Ein Prosit oder Tod der Gemütlichkeit!?

Linke und andere Heimatdiskurse

Das Thema Heimat erlebt eine Phase der Hochkonjunktur. Mag sein, dass der September 2015 die Schleusen für einströmende Gedanken über deutsche Befindlichkeiten, deutsche Heimaten weit geöffnet hat. In den vergangenen vier Jahren jedenfalls häuften sich journalistische Texte und soziologische Veröffentlichungen über das Lebensgefühl und die gesellschaftliche Lage von Zugewanderten, von in Deutschland geborenen Menschen mit ausländischen Wurzeln und von sich gerade ansiedelnden Flüchtlingen. Desgleichen kursieren seit einiger Zeit Artikel unterschiedlichsten Niveaus über die Identität derjenigen, „die schon länger hier sind“ und gelegentlich noch „Einheimische“ genannt werden. Die einen fragen sich, ob der Heimatbegriff nicht überholt sei, im Grunde nur ein Zeichen für einen (präfaschistischen) Nationalismus: die „Heimat“ ein Wort, das ausgrenze. Die anderen vermuten, dass die völlige Aufgabe eines gemeinschaftsstiftenden Herkunfts- und Zugehörigkeitsgefühls zugunsten einer warmherzigen, aber realitätsfernen Weltumarmung die Grundlagen des gesellschaftlichen Zusammenlebens gefährden könnte.

Weiterlesen

Der Tod ist für mich nichts Außergewöhnliches. Ich red‘ ja über das Sterben wie ein anderer über eine Semmel. (Thomas Bernhard)

Friedhöfe ziehen Touristen an, wenn die Gräber Überreste verblichener Zelebritäten beherbergen. Auf dem Cimetière Père Lachaise gibt es den mit zahllosen knallroten Kussspuren seiner Verehrer fast gänzlich übermalten Stein Oscar Wildes. Chopin liegt auch hier und zieht noch immer Verehrerinnen in seinen Bann. Das Philosophenduo De Beauvoir und Sartre erwartet seine Fans am Nordausgang des Cimetière du Montparnasse. Die Liegestätte ist von Hunderten Zigarettenkippen übersät, vielleicht als Hommage an die leidenschaftlichen Raucher? Leser Heinrich Heines finden dessen Grab auf dem Cimètiere de Montmartre, wo er zusammen mit seiner Frau im katholischen Sektor des Friedhofs ruht.

Weiterlesen

Der Maniker des Antijournalismus

In Zeiten, da das papierlose Büro, die kreidefreie Smartboard-Schule, die digitale Zeitungslektüre alltäglich werden und die Druckerzeugnisse der Gutenberg-Zeitalters von der Turing-Galaxie in ihr digitales Archiv übernommen werden, soll hier an Karl Kraus erinnert werden: Moralist, Berserker, Sprachkünstler, Sprachdiener, Sprachkritiker.

Weiterlesen

Denkmäler…

Reiterstatue Marc Aurels auf dem Kapitolsplatz in Rom

sind herausragende Stein- oder Bronze- oder halb Stein- halb Bronzegebilde, die bädekergeleitete Reisende gern ansteuern, um etwas über die Geschichte des touristischen Ziels und über die historische Rolle einer Denkmalsfigur zu erfahren. Der Reiseführer kann hier Auskunft geben. Gelegentlich übertrifft die künstlerische Bedeutung einer monumentalen Skulptur die Leistungen der Dargestellten erheblich.

Weiterlesen

 Arbeiterkampftag – Der Erste Mai

Renato Guttuso: Das Begräbnis Togliattis (1972)

Maifeierlichkeiten als Teil der politischen Sozialisation

Ich muss sieben oder acht Jahre alt gewesen sein, als ich das erste Mal Mitte der fünfziger Jahre auf dem Karlsplatz, wo wochentags immer Markt war, mit meinem Vater an einer Kundgebung am ersten Mai teilgenommen habe. Dass ich mich vergleichsweise lebhaft daran erinnere, hat wohl damit zu tun, dass die Redner laut und heftig , die Zuhörer begeistert und parolenfreudig waren, dass Fahnen geschwungen wurden, vornehmlich rote, und dass gesungen wurde. Ich glaube, es war ein Arbeiterchor, Solisten waren damals bei Massenveranstaltungen eher unerwünscht. Ich kann mich nicht entsinnen, was gesungen wurde, aber „Brüder zur Sonne, zur Freiheit“ ist eine ziemlich risikoarme Annahme.

Weiterlesen

Der Zoch kütt, hoffentlich!

KARNEVALSORDEN

Es ist Ende Februar 2020  und der Karneval, seit 2014 als immaterielles Kulturerbe auf der Unesco-Liste, ist lange schon im anschwellenden Taumel, die diesjährige Session erlebt mit den großen Zügen am Rosenmontag  ihren Höhepunkt, wenn es der Klimawandel zulässt. Aber am Aschermittwoch lässt sich der am Martinstag  2019 erwachte Hoppeditz in Düsseldorf unter wehmütigsten Trauergesängen im Garten des Stadtmuseums begraben. Fröhlichkeit ist ansteckend und so hat  die Karnevalsidee auch außerhalb des Rheinlandes viele Anhänger gefunden. Lokale Faschingstraditionen werden insbesondere in katholischen Gegenden Jahr für Jahr gepflegt. „Der Zoch kütt“ aber auch in protestantisch geprägten Städten. Weiterlesen

Sankt Martin war ein guter Mann

Der November ist gewöhnlich ein trister, nebliger Monat, in dem der  Rheinländer den Hoppediz erwachen lässt, den Geist des Karnevals, ein Antidot gegen aufkommende Winterdepressionen. Eine milde Prophylaxe für Kinder sind  am Niederrhein die Laternenumzüge, die in diesem Landstrich zu Ehren des Heiligen Martin von Tours zumindest den Abend des 10.11. erhellen.

Heinrich Hermanns: Sankt-Martins-Zug vor dem Düsseldorfer Rathaus 1905 (Quelle: Wikimedia)

Vor über sechzig Jahren

Ich oute mich sogleich als Martinszugsozialisierter, der schon als i-Dotz (rheinisch für Erstklässler) der Katholischen Volksschule in der Helmholtzstraße in der  Düsseldorfer  Friedrichstadt am Vorabend des Martinstages einen Lampion von der Schule an unserer Pfarrkirche St. Antonius  vorbei zum nahegelegenen Fürstenplatz getragen hat. Die elaborierteren Lampions waren rundgefältelt, in warmem Gelb mit einem aufgemalten freundlichen Mondgesicht. Ich hatte etwas Einfacheres. Weiterlesen

Immer schneller

  Der Blitzzug

Quer durch Europa von Westen nach Osten rüttert und rattert die Bahnmelodie.

(Detlev von Liliencron, 1903)

Die Fahrgeräusche der Blitzzüge unserer Zeit sind erstaunlich gedämpft, das Tempo der Sprinter von Berlin nach München erreicht gelegentlich 300 km/Std.! Kaum haben wir Berlin verlassen, sind wir in Halle, im Nu in Erfurt und eine Stunde später stehen wir, nachdem uns der ICE ausgespuckt hat, in der Lorenzkirche in Nürnberg. Entschleunigt wurde unsere Fahrt nur durch eine Umleitung wegen eines „Notfalleinsatzes am Gleis“, ein Euphemismus für „Suizid“; einmal war der „Zugchef“ zu Klartext aufgelegt und verstörte die Fahrgäste mit der Durchsage „Leichenfund auf der Strecke“. Weiterlesen