Ansichten vom Niederrhein (II)

Haben die deutschen Stämme unterschiedliche Mentalitäten? Gibt es den sturen Westfalen, den fleißigen, zugleich behäbigen Schwaben, den wortkargen, abweisenden Märker, den fröhlichen Rheinländer wirklich? Und haben sich diese landschaftlich geprägten Sinnesarten erhalten, gibt es Restbestände, welchen Veränderungen unterliegen sie? Die subjektive Empirie von Reisenden, sofern aufgezeichnet, gesammelt und von Sozialgeschichtlern ausgewertet wird später Antworten geben können.

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Ansichten vom Niederrhein

„Die Stadt Düsseldorf ist sehr schön, und wenn man in der Ferne an sie denkt und zufällig dort geboren ist, wird einem wunderlich zumute. Ich bin dort geboren, und es ist mir, als müsste ich gleich nach Hause gehen.“   Heinrich Heine

Wenn man in seine Heimatstadt kommt, die man vor Jahrzehnten als Wohnsitz aufgegeben, danach aber häufig besucht  hat, sind die Sinne bei jeder neuen Annäherung auf Verändertes ebenso gerichtet, wie auf das in der Jugend Gekannte. Wer also Düsseldorf oder jeden beliebigen bedeutsamen  Ort wiedersieht, arbeitet  an seinem Lebenskontext. Vielleicht kann der ortskundige zeitweilige Heimkehrer sich mit besserem Gewissen durch die Stadt treiben lassen als der neugierige Tourist, der er aber auch ist und bleibt.

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D-dorfer Moderne

Gespiegelt: Dreischeibenhaus, zuvor Thyssen-Haus, Zeugnis der Nachkriegsmoderne

Schon klar: die längste Theke der Welt, Karneval, Shoppen auf der Kö – es gibt viele Gründe, nach Düsseldorf zu fahren. Dass moderne Architektur die Stadt prägt, mag sich bisher weniger herumgesprochen haben. Berliner Kleingeistern, die mit gerasterten Fassaden und einheitlichen Traufhöhen zufrieden sind, sei eine Besichtigung dringend empfohlen. Weiterlesen

Kupferstolz oder Lebensquell?

Aron Hirsch aus Finow hatte eine Idee: Auswanderungswillige Deutsche sollten im Frachtgepäck Fertighäuser für ihre neue Heimat mitnehmen können, aus Kupferblech gefertigt und somit  von geringem Eigengewicht. Verpackt in jeweils 34 Einzelpakete wurden tatsächlich 14 Häuser nach Palästina verschifft. In Haifa haben drei davon unbeschadet die Zeiten und das mediterrane Klima überdauert.

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Impftourismus

Wenn ein Städtchen an einem Fluss namens Schwarze Elster liegt, ist das Hauptmotiv des Stadtwappens offensichtlich. Elsterwerda, einstmals eine Insel in einem Sumpfgebiet, aber auch ein Handelsplatz, wie der sorbische Name Wikow nahelegt, liegt nur 50 km von Dresden entfernt, gehört aber gerade noch zu Brandenburg. Auf unserem Spaziergang vom Bahnhof zum Fluss sahen wir höchstens ein Dutzend Einwohner, was natürlich der Pandemie geschuldet war, denn bei einer Inzidenz über 100 war außer den Bäckereien, dem Metzger und der Sparkasse alles geschlossen.

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Der Jäger des Verlorenen

Die Schatzkammer verbirgt sich im Gartenhäuschen. Wolfgang Wick geht voran und wir sind erst einmal sprachlos angesichts der Überfülle an Gegenständen, Büchern und Krimskrams, die sich auf Tischen und in Regalen stapeln. Drei Jahrzehnte hat der Sammler die Bestände zusammengetragen, Erzeugnisse aus der Lebenswelt der DDR.

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Ein Europäer aus Łόdż

Quelle: Wikipedia

„Ich lag im Krankenzimmer, und die Schwestern brachten mir Bücher, von Lermontow zum Beispiel. Ein Jahr lang lernte ich an Lermontow und Puschkin die kyrillische Schrift und die russische Sprache. Die Wachmänner baten mich anschließend, für sie Liebesbriefe zu verfassen, weil ich wie Puschkin schrieb.“         Karl Dedecius

Gerade  in Zeiten eines zunehmenden  Autoritarismus in Europa muss an einen großen Literaturvermittler, Brückenbauer, Büchermacher, Kulturfunktionär und gebildeten literarischen Übersetzer erinnert werden:  Karl  Dedecius. Dass 2016 die Nachricht seines Todes  im 95. Lebensjahr selbst bei Kulturjournalisten nicht gebührend kommentiert wurde, will allerdings fast stimmig erscheinen.  Denn der unermüdlich Arbeitende wurzelte in Verhältnissen, in denen ständige Selbstvermarktung und mediale Präsenz nicht oberstes Gebot waren. 

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Von der Textilmetropole zur Filmstadt

Denkmal für Izrael Poznański, Karl Wilhelm Scheibler und Ludwik Grohmann

In  einer Fabrik, Ende des 19.Jahrhunderts: Der Angestellte Horn will einer mittellosen Witwe helfen, die ihren Mann bei einem Betriebsunfall verloren hat.  Der Direktor kanzelt ihn deswegen ab. Horn entgegnet,  er sei keine Maschine, sondern ein Mensch. „Zuhause, aber in der Fabrik ist Ihre Menschlichkeit nicht erforderlich.“ Die Szene stammt aus dem Film „Gelobtes Land“ von Andrzej Wajda, dem 2016 verstorbenen polnischen Regisseur. Schauplatz des Geschehens ist die florierende Industriestadt Łódź, ein Ort, an dem, wie der Film eindrucksvoll zeigt, Polen, Deutsche und Juden zusammenleben, ein Ort für Glückssucher und Spekulanten, aber auch ein Ort schroffer Klassengegensätze zwischen wohlhabenden Industriellen und ausgebeuteten Arbeitern.

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Slow Travel

Milk float (Quelle: Wikipedia)

Dan Kieran hat Flugangst. Als er gebeten wird, bei der Hochzeit seines besten Freundes, die in Polen stattfindet, Trauzeuge zu sein, akzeptiert er und fährt mit dem Zug, von London mit dem Eurostar nach Paris, dann mit dem Nachtzug nach Berlin, weiter nach Warschau. Die Reise wird so etwas wie ein Wendepunkt in seinem Berufsleben als Journalist und Schriftsteller, denn er hat ein neues Thema entdeckt: Slow Travel, langsames Reisen.

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