Abschied von Turin

Den Geist, das Fluidum einer Stadt verspüren zu wollen, wenn man nur kurz dort weilt, ist müßig. Nach Turin waren wir gekommen mit der Erwartung, dass die Piemontesen anders seien als die Süditaliener, insbesondere die Neapolitaner: ruhiger, gemessener, vornehmer, distanzierter, selbstbewusster. Ein Klischee, gewiss, aber alle Klischees bündeln Erfahrungen. Klischees verfestigen positive wie negative Urteile zu einem Gesamtbild, das in Reiseführern die Erwartung der Stadtbesucher zunächst bestimmt.

Als wir in Turin waren, im Vorfrühling, hatten nicht übermäßig viele Besucher die Stadt aufgesucht

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Die Alpen sehen

Turin mit Wolfsburg zu vergleichen, erscheint wie eine Majestätsbeleidigung. Und doch haben beide Städte gemeinsam, dass sie über Jahrzehnte vornehmlich als Produktionsstätten von Automobilen wahrgenommen wurden. 1899 gründeten „acht passionierte Automobilisten“, wie es im Reiseführer heißt, die Fabrica Italiana Automobile Torino, kurz FIAT. Zu den ersten Investoren gehörte der Sohn eines Großgrundbesitzers aus einem nahegelegenen Dorf : Giovanni Agnelli. Schon ein Jahr später übernahm er die Geschäfte, wurde Konstrukteur, Rennfahrer, Marketing- und Finanzstratege.

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Mercato Centrale

Es soll sich um einen der größten Lebensmittelmärkte Europas handeln. Unweit des ehemaligen Stadttores, nach dem er auch Mercato di Porta Palazzo genannt wird, findet an allen Werktagen ein quirliger Bauernmarkt statt, wo an der frischen Luft vor allem Obst und Gemüse angeboten werden. In den Markthallen finden sich Bäcker, Fischhändler und Metzger. Gegenüber der alten schmiedeeisernen Markthalle wurde 2019 eine zweite Halle gebaut, die an zahlreichen Ständen ein gastronomisches Angebot bereithält. Die Produkte sind mehr oder weniger dem Slow-Food-Prinzip verpflichtet: regional, saisonal, traditionell. Unter der Restaurantebene befinden sich ehemalige Eiskeller aus dem 18. Jahrhundert, gigantische Iglus aus Stein, die begehbar gemacht wurden und in der Zeit, als wir in Turin waren, eine Ausstellung über Carlo Levi präsentierten.

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Arkaden, Passagen, Plätze

Piazza Statuto und Via Garibaldi

Sich in Turin zu orientieren ist leicht. Vom Bahnhof Porta Nuova aus führt die Via Roma schnurgerade ins historische Zentrum. Man überquert die Piazza San Carlo und gelangt in wenigen Minuten zur Piazza Castello mit dem Palazzo Reale, dem Königspalast. Von dort führt die Via Garibaldi im rechten Winkel nach Westen, die Via Po etwas abgewinkelt nach Osten, zum Fluss. Kilometerlange Arkaden (Portici) schützen den Spaziergänger vor Regen und Hitze, vielfältige Geschäfte laden zur Betrachtung der Auslagen und zum Shopping ein, historische Cafés mit prächtigen Interieurs bieten sich für eine Verschnaufpause an. Und wenn es dann noch Frühling ist, kommen beim Flanieren schnell einige Kilometer zusammen, wie ein Blick auf den Schrittzähler am Abend zeigt.

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Das Neue ist das Alte oder fast

Der Schein trügt. Auf dem Marktplatz von Hildesheim glaubt man in einem gut restaurierten mittelalterlichen Ensemble zu stehen, doch was wir sehen, sind Bauwerke aus dem Jahr 1989. Nur wenige Häuser hatten die Bombardierungen während des Zweiten Weltkrieges überstanden und es gab in Architektenkreisen starke Vorbehalte gegen eine originalgetreue Rekonstruktion. Stadtplaner forderten breite Straßen und weite Plätze, man baute in Beton und nüchternen Silhouetten. Doch es bildeten sich Bürgerinitiativen, die Respekt für das historische Erbe einforderten und schließlich 1980 die Stadtverwaltung und die Sparkasse davon überzeugen konnten, den Marktplatz als weitgehend originalgetreue Kopie wieder zum Leben zu erwecken.

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Schneeglöckchen in Uebigau

Obwohl das Wetter ganz und gar nicht den Voraussagen entsprach und der Tag wegen der Nachrichtenlage auch nicht für einen Ausflug geeignet erschien, machten wir uns heute auf den Weg nach Uebigau im Elbe-Elster-Land, nicht zu verwechseln mit Übigau, einem Stadtteil von Dresden. Wir waren durch einen Zeitschriftenartikel auf den Schneeglöckchen-Park aufmerksam geworden und wollten uns das nur von Mitte Februar bis Mitte März währende Schauspiel nicht entgehen lassen. Vor Ort traf man auf Gleichgesinnte, mit denen man sich über die jeweilige Motivation austauschen konnte.

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Neapolitanische Kaffeehäuser

Was treibt den Reisenden eigentlich in ganz bestimmte Lokale, um dort ein Frühstück einzunehmen, einen Apéro zu trinken, Zeitung zu lesen, eine kleine Speise zu verzehren? Es muss das besondere Fluidum sein, das man dort zu erleben hofft. Wien, Budapest, Prag gelten als Orte mit charakteristischen traditionellen Cafés, die in allgemeinen und speziellen Reiseführern als aufsuchenswert beschrieben werden. Aber auch italienische Städte bergen Kaffeehäuser, die so betrieben werden, dass der Gast sich zum Verweilen eingeladen fühlt. Schon bei unserem ersten Besuch in Neapel, 2019, auf der Rückreise von Sizilien, stand das Gran Caffè Gambrinus ganz oben auf der Prioritätenliste. Das Kaffeehaus wurde 1860 in zentraler Lage an der Piazza del Plebiscito, in der Nähe des Palazzo Reale und des Teatro San Carlo gegründet, konnte sich so rasch einer illustren Kundschaft erfreuen und wurde zum Hoflieferanten. Politiker, Musiker, Schriftsteller und sogar Sissi tranken hier Kaffee.  Weiterlesen

Herculaneum

Anders als Pompeji wurde Herculaneum nicht von Lapilli und Asche, sondern von Lava und Schlamm verschüttet. 1709 wurde es wiederentdeckt und schrittweise freigelegt. Auch hier dauern die Arbeiten an und sorgen immer wieder für Überraschungen. Da wegen der besonderen Bedingungen die Hausdächer nicht eingebrochen waren, sind viele Fresken gut erhalten. Das Bildprogramm dreht sich meist um den namensgebenden Helden Herkules, der durch seine dunklere Hautfarbe jeweils gut erkennbar ist. Die Ausgrabungsstätte Ercolano Scavi ist bequem mit der Bahn (Linea Circumvesuviana) zu erreichen; ein kurzer Spaziergang durch das pulsierende Städtchen führt zum Gelände. Hier ein paar Eindrücke:

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