Die Stadt der Seide

Aufstieg zum Viertel Croix Rousse

Lyon hatte von jeher einen guten Ruf als Zentrum der Stoffweberei, insbesondere der Seidenherstellung. König Francois Ier hatte 1536 mit einer Steuerbefreiung oberitalienische Seidenweber hierher gelockt. Die Verleger halten die Fäden in der Hand. Sie beschaffen die Rohstoffe und handeln mit den fertigen Produkten. Hergestellt wird die Seide von den „Canuts“  in Heimarbeit. Zu Tausenden arbeiten sie in einem Viertel, wo es bald eng wird und „Traboules“ entstehen: enge, überdachte Passagen und Treppen, die Gassen verbinden. Sie ermöglichen den vor Wetterunbilden geschützten Transport der wertvollen Textilien. Weiterlesen

Point of no return

So empfängt Leipzig seine Gäste, die vom Bahnhof kommend in Richtung Innenstadt laufen.

Die sogenannten runden Geburtstage werden oft besonders aufwendig gefeiert. Ähnliches passiert bei Jahrestagen Jubiläen, wenn genau ein, zwei, drei … Dekaden nach dem zu erinnernden Datum verstrichen sind. Während bei Geburtstagen die Reden im privaten Kreis verbleiben, wird das historisch bedeutsame Ereignis öffentlich schon gewürdigt, wenn es sich nähert. So auch aus Anlass der Grenzöffnung im November 1989.

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Sankt Martin war ein guter Mann

Der November ist gewöhnlich ein trister, nebliger Monat, in dem der  Rheinländer den Hoppediz erwachen lässt, den Geist des Karnevals, ein Antidot gegen aufkommende Winterdepressionen. Eine milde Prophylaxe für Kinder sind  am Niederrhein die Laternenumzüge, die in diesem Landstrich zu Ehren des Heiligen Martin von Tours zumindest den Abend des 10.11. erhellen.

Heinrich Hermanns: Sankt-Martins-Zug vor dem Düsseldorfer Rathaus 1905 (Quelle: Wikimedia)

Vor über sechzig Jahren

Ich oute mich sogleich als Martinszugsozialisierter, der schon als i-Dotz (rheinisch für Erstklässler) der Katholischen Volksschule in der Helmholtzstraße in der  Düsseldorfer  Friedrichstadt am Vorabend des Martinstages einen Lampion von der Schule an unserer Pfarrkirche St. Antonius  vorbei zum nahegelegenen Fürstenplatz getragen hat. Die elaborierteren Lampions waren rundgefältelt, in warmem Gelb mit einem aufgemalten freundlichen Mondgesicht. Ich hatte etwas Einfacheres. Weiterlesen

Jüdisches Leben in Miltenberg

Wer auf dem Nibelungensteig wandert und, von Amorbach kommend, nach Miltenberg gelangt, wird sich nach der Waldeseinsamkeit nicht nur über die Touristengruppen wundern, die sich durch die Fachwerkstadt schieben, sondern auch sehr bald auf eine Vielzahl von Stolpersteinen aufmerksam werden, die Gunter Demnig hier verlegt hat. Es sind inzwischen 45, mehr sind geplant. Weiterlesen

Auf den Spuren Kafkas in Prag

„Prag lässt nicht los. Dieses Mütterchen hat Krallen“, schrieb Franz Kafka als 19-Jähriger. Sehr oft hat er in seinem kurzen Leben (1883-1924) die Heimatstadt nicht verlassen. Er begab sich auf Dienst- und Bildungsreisen, suchte wegen seiner Lungentuberkulose mehrfach Sanatorien auf und hielt es immerhin ein halbes Jahr in Berlin aus.

Obwohl es vermessen klingt, könnten wir uns seiner Aussage anschließen. Natürlich waren wir schon in Prag, 1971 zum Jahreswechsel, und dann wieder in einer gewandelten Atmosphäre 2002. Abermals sind einige Jahre verstrichen, die Uniformierung des europäischen Lebensstils, die sich in den Einkaufspassagen und Essgewohnheiten abbildet, ist weiter vorangeschritten, aber davon bleiben die Prachtbauten der Jahrhundertwende, der Reichtum des jüdischen Erbes, die Reminiszenzen an Künstler und Schriftsteller unberührt. Folgen wir also Kafkas Spuren und sehen, was aus seiner Lebenswelt heute noch auffindbar ist. Weiterlesen

Immer schneller

  Der Blitzzug

Quer durch Europa von Westen nach Osten rüttert und rattert die Bahnmelodie.

(Detlev von Liliencron, 1903)

Die Fahrgeräusche der Blitzzüge unserer Zeit sind erstaunlich gedämpft, das Tempo der Sprinter von Berlin nach München erreicht gelegentlich 300 km/Std.! Kaum haben wir Berlin verlassen, sind wir in Halle, im Nu in Erfurt und eine Stunde später stehen wir, nachdem uns der ICE ausgespuckt hat, in der Lorenzkirche in Nürnberg. Entschleunigt wurde unsere Fahrt nur durch eine Umleitung wegen eines „Notfalleinsatzes am Gleis“, ein Euphemismus für „Suizid“; einmal war der „Zugchef“ zu Klartext aufgelegt und verstörte die Fahrgäste mit der Durchsage „Leichenfund auf der Strecke“. Weiterlesen

Zur Kunst nach Koblenz

In Deutschland gibt es ein Lügenmuseum (Radebeul), ein Bratwurstmuseum (Holzhausen), ein Nummernschildmuseum (Großolbersdorf) und weitere skurrile Ausstellungsorte sonder Zahl. Was es nicht gibt, ist ein Museum, das deutschen Künstlern gewidmet ist, die 1933-45 vor dem Nazi-Regime ins Exil flohen oder verfolgt und ermordet wurden. Das ist wahrlich kein Ruhmesblatt für die hiesige Museumslandschaft.

Aber es gibt eine Sammlung von mehr als 750 Bildwerken teils namhafter, teils heute weitgehend vergessener Maler und Malerinnen, in Jahrzehnten engagierter Sammelfreude zusammengetragen von Thomas B. Schumann, einem langjährigen Freund. Während dieser händeringend nach einer Stadt sucht, die bereit wäre, ein derartiges Museum einzurichten, verleiht er seine Bilder für Ausstellungen in großen und kleinen Städten. Von Mitte Juni bis Ende September zeigt das Mittelrheinische Museum in Koblenz eine repräsentative Auswahl. Grund genug hinzufahren.

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