Eine Woche Wien

Auf der Terrasse der Wiener Staatsoper. Es ist der 7. September 2020, kurz vor sieben. Nach sechsmonatiger Schließung, der längsten in Friedenszeiten jemals vorgekommenen, findet die Wiedereröffnung mit einer Premiere von „Madama Butterfly“ statt.

Wir haben eine Woche in Wien verbracht, wo das schon für Juni geplante Theaterspektakel „Die letzten Tage der Menschheit“ nun endlich in einer Eisenbahnremise in Meidling stattfand. Sieben Stunden Stationentheater mit Verpflegung bei Kerzenschein.

Für anderes blieb auch noch Zeit: die Reichskleinodien in der Hofburg, einen Mini-Sprachkurs im Esperanto-Museum, Thomas Bernhards Grab auf dem Grinzinger Friedhof, einen Spaziergang durch das „rote Wien“ und viele Cafébesuche.

Über all das wird hier demnächst zu lesen sein.

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Halbe Welt

Halbe mag manchem als Ort der so genannten Kesselschlacht zwischen dem 24. und 28. April 1945, die etwa 60 000Todesopfer forderte, ein Begriff sein. Viele der deutschen und sowjetischen Opfer wurden auf dem Waldfriedhof Halbe beigesetzt. Hier ruhen aber auch hingerichtete Deserteure der Wehrmacht, Zwangsarbeiter und Verstorbene aus dem sowjetischen Speziallager Ketschendorf. Seit 1990 gab es jeweils am Volkstrauertag Aufmärsche von Alt- und Neonazis in Halbe, bis 2006 das Versammlungsrecht auf Friedhöfen eingeschränkt wurde.

Inzwischen hat der Ort eine Sehenswürdigkeit ganz anderer Art aufzubieten: den Kaiserbahnhof, wo am letzten Sonntag die Ausstellung Halbe Welt eröffnet wurde. In der Region ansässige Künstler und Künstlerinnen haben zum Thema Krieg und Frieden Bilder, Objekte und Fotos bereitgestellt, die im alten Bahnhofsgebäude (neben dem Kaiserbahnhof), das in Zukunft einmal zum Esperantozentrum werden soll, ausgestellt werden. Noch sind die Räume erst provisorisch hergerichtet.

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Uckermärkisches Intermezzo

Zu Besuch bei Freunden in Lunow. Erst einmal K.‘s wunderbaren Garten besichtigen; hier gibt es 78 Tomatensorten zu bestaunen und zu verkosten. Besonders aromatisch ist die helle Snowball; sehr hübsch anzusehen die gelbe Citrina, einer der Lieblinge der Gärtnerin ist Ochsenherz Findling. Allerdings hat sie in diesem Jahr einige Verluste durch die Braunfäule hinnehmen müssen. Insekten aller Art fühlen sich in diesem Garten wohl, auch Eidechsen und sonstiges Getier.

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Quilitz, Marxwalde, Neuhardenberg

An Denkmälern für Friedrich II. fehlt es nicht, vom monumentalen Reiterstandbild Unter den Linden, das den Feldherrn und Herrscher in Uniform und Hermelin zeigt, bis zur Statue auf dem Friedrichshagener Marktplatz, die daran erinnert, dass der König das Kolonistendorf Friedrichsgnaden (!) für Baumwollspinner aus Böhmen und Schlesien gründen ließ.

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Rohkunstbau

Seit 25 Jahren stellen Berliner Künstler in den Sommermonaten ihre Werke im Umland aus. Seinen seltsamen Namen erhielt das Projekt im Gründungsjahr 1994, als es in einer großen Betonhalle in Groß-Leuthen stattfand, die 1989 für die Arbeiterfestspiele der DDR errichtet worden war und wegen der geänderten Zeitläufte ein Rohbau blieb. Nach Stationen in Potsdam und im Havelland und einer Unterbrechung wegen fehlender Fördergelder ist es in diesem Jahr im Barockschloss von Lieberose beherbergt.

Dieses war der Herrschaftssitz der Familie von der Schulenburg, wurde um 1750 als vierflügelige Anlage erbaut, im 2. Weltkrieg teilweise zerstört. Ein verbleibender Turm ist 1975 eingestürzt. Nun steht die 3000 m² große Anlage leer und die Brandenburgische Schlösser GmbH sucht dringend einen Käufer.

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Im Café Central

Die Reise nach Wien war lange im voraus geplant, denn es mussten begehrte Eintrittskarten erworben werden. Wir wollten über Bratislava fahren und eine Vorstellung von „Die letzten Tage der Menschheit“ besuchen, Karl Kraus‘ Antikriegsstück, mit Verpflegungspausen sieben Stunden lang, inszeniert von Paulus Manker in einer alten Eisenbahnremise. Die Aufführung wurde in den Herbst verschoben, aber als bekannt wurde, dass Österreich am 15. Juni seine Grenzen öffnet, haben wir nur den slowakischen Part storniert und sind gefahren.

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Barock und Bauhaus – mährische Weltkultur

Café ERA: Wendeltreppe von Josef Kranz (1927)

Wer von einer Sache sagt, das seien böhmische Dörfer für ihn, meint, dass ihm etwas unverständlich oder fremd ist. Die Redewendung, die die Jahrhunderte überdauert hat, stammt aus der Epoche des Habsburgerreichs, als die deutschsprachige Bevölkerung, wenn sie aufs Land fuhr, wo die tschechisch (=böhmisch) Sprechenden in der Mehrheit waren, nichts mehr verstand. Wer heutzutage davon erzählt, dass er mährische Städte bereist habe, erntet manchmal ein ähnliches Unverständnis.

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Pirna

Rathaus, St. Marien, Canaletto-Haus, im Hintergrund Festung Sonnenstein

Welch ein Glück für das Stadt-Marketing, dass August III. im Jahr 1753 Bernardo Bellotto nach Pirna schickte. Der fleißige Maler, der sich nach seinem bereits berühmten Onkel Antonio Canal „Canaletto“ nannte, schuf dort zehn Gemälde, darunter „Der Marktplatz zu Pirna“. Heute befindet sich die Touristeninformation im so genannten Canaletto-Haus, das schönste Café der Stadt benannte sich nach dem Maler und zwischen alten Bäumen führt ein Canaletto-Weg von der Schifftorvorstadt zu den Terrassen unterhalb der Festung Sonnenstein.

Seit dem 15, Mai ist der Tourismus nach Sachsen wieder zugelassen und so konnten wir unsere schon vor längerer Zeit gebuchte Ferienwohnung tatsächlich beziehen.

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Ein Land voll Geschichte

„Kalter scharfer Wind empfing mich auf der Höhe. Dicht in den Mantel gehüllt, sah ich ein schönes und eindringliches Bild: über altes Gemäuer hinweg ringsum die umbrische Landschaft, licht und grün, von einem gewaltigen Kreis hoher, noch mit Schnee bedeckter Berge eingeschlossen. Jeder Blick streift nah oder fern irgendeine alte berühmte heilige Stätte, da liegen Spoleto, Perugia, Assisi, Foligno, Spello, Terni, dazwischen hundert kleinere Orte, Dörfer, Kirchen, Höfe, Klöster, Burgen und Landhäuser, ein Land voll Geschichte, voll römischer und noch vorrömischer Denkmäler, durchflossen vom kleinen Fluss Clitumnus.“ (Hermann Hesse in Montefalco, 1907)

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Heilige, Erdbeben und Linsengerichte

Der junge Giovanni Bernardone, Sohn eines wohlhabenden Tuchhändlers, führt ein sorgloses und freizügiges Leben. Als ein Krieg zwischen benachbarten Provinzen ausbricht, wird er, wie es für Männer seines Standes üblich ist, Soldat, um Ruhm und Ehre zu erwerben. Doch er gerät in Gefangenschaft und verbringt als Zwanzigjähriger mehrere Monate in Haft. Einige Zeit später passiert etwas Seltsames; Giovanni begegnet einem Aussätzigen, ist schockiert, fühlt sich abgestoßen ─ ein Schlüsselerlebnis. Fortan scheint er, der Angehörige der Oberschicht, die Lage der Armen, der Bettler und unversorgten Kranken mit anderen Augen wahrzunehmen. Wir befinden uns im Jahr 1206 und kennen den Mann aus Assisi besser unter seinem Spitznamen Francesco (Französlein), den man ihm wegen der Herkunft seiner Mutter verpasst hat. Franz sagt sich mit 25 öffentlich von seinem Vater los (Giottos Vorstellung von dieser Szene zeigt das obige Bild), verzichtet auf dessen Geld und widmet sein Leben fortan der tätigen Nächstenliebe und dem Glauben.

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