Ein Prosit oder Tod der Gemütlichkeit!?

Linke und andere Heimatdiskurse

Das Thema Heimat erlebt eine Phase der Hochkonjunktur. Mag sein, dass der September 2015 die Schleusen für einströmende Gedanken über deutsche Befindlichkeiten, deutsche Heimaten weit geöffnet hat. In den vergangenen vier Jahren jedenfalls häuften sich journalistische Texte und soziologische Veröffentlichungen über das Lebensgefühl und die gesellschaftliche Lage von Zugewanderten, von in Deutschland geborenen Menschen mit ausländischen Wurzeln und von sich gerade ansiedelnden Flüchtlingen. Desgleichen kursieren seit einiger Zeit Artikel unterschiedlichsten Niveaus über die Identität derjenigen, „die schon länger hier sind“ und gelegentlich noch „Einheimische“ genannt werden. Die einen fragen sich, ob der Heimatbegriff nicht überholt sei, im Grunde nur ein Zeichen für einen (präfaschistischen) Nationalismus: die „Heimat“ ein Wort, das ausgrenze. Die anderen vermuten, dass die völlige Aufgabe eines gemeinschaftsstiftenden Herkunfts- und Zugehörigkeitsgefühls zugunsten einer warmherzigen, aber realitätsfernen Weltumarmung die Grundlagen des gesellschaftlichen Zusammenlebens gefährden könnte.

Identität ohne Leitidee

Das Wochenblatt Die Zeit wollte wissen, wie Heimat in unserer Gesellschaft gesehen wird, und führte mit dem infas-Institut und dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung eine Studie durch, deren Ergebnis der Sozialforscher Jakob Steinwede vorstellte: „89 Prozent der Deutschen sagen in der Studie, dass ihnen Heimat sehr wichtig sei. Dabei denken 88 Prozent an einen Ort, an dem sie sich geborgen fühlen. 80 Prozent empfinden ihre Familie oder den Lebenspartner als Heimat, 68 Prozent Freunde und Bekannte. Für 64 Prozent ist Heimat mit Erinnerung aus Kindheit und Jugend verbunden. Überraschend: Nur 59 Prozent nennen Deutschland als Heimat, 49 Prozent nennen eine Kultur, die sie mit anderen Menschen teilen. Ganz am Ende der Liste steht eine gemeinsame Religion. Nur bei 18 Prozent der Menschen löst sie Heimatgefühle aus.“ Der Soziologe interpretierte die Zahlen dahingehend, dass sie in beeindruckender Weise zeigten, dass in dem Begriff Heimat „mehr Verbindendes als Trennendes steckt.“ Heimat sei „für die Menschen in Deutschland“ vornehmlich durch menschliche Beziehungen bestimmt. „Ganz klar“ erweise die Studie auch, was Heimat für die Deutschen nicht sei: Es ist keine Leitidee nationaler Identität damit verbunden.“ Jedenfalls nicht bei den Befragten und/oder dem interpretierenden Wissenschaftler!

Eine Stimme im linken Heimatdiskurs

Der Publizist Thomas Ebermann begibt sich mit seinem Buch Linke Heimatliebe. Eine Entwurzelung (konkret texte 75) schnurstracks in den Meinungskampf um den richtigen Umgang mit der „Heimat“ unter Linksintellektuellen bzw. jenem Teil der Öffentlichkeit, der links oder linksliberal orientiert ist. Als Mitarbeiter des antideutschen Magazins konkret, in dessen Artikeln alle Wortverbindungen mit „deutsch“ negativ konnotiert sind, gleichwohl aber in rekordverdächtiger Zahl vorkommen, fühlt Ebermann sich zur Dauerpolemik verpflichtet. Er darf für sich in Anspruch nehmen, seiner linksradikalen Weltsicht immer treu geblieben zu sein und mittels dieser für die Zivilisation zu streiten. Zeitweise gehörte er zum fundamentalistischen Flügel der Grünen.

Im Bändchen Linke Heimatliebe knöpft er sich nun alle vor, die der Heimat bzw. deren Begriff etwas Positives abgewinnen wollen. Es sind Texte aneinandergereiht, die teilweise schon in konkret abgedruckt waren, die meisten sind Originalbeiträge. Er attackiert Linkspolitiker (Dehm, Ramelow…), den Filmemacher Edgar Reitz (wegen seiner überaus erfolgreichen Filmserie Heimat), seinen Kollegen bei konkret Georg Seeßlen, weil sie alle es in unterschiedlicher Weise für möglich halten, dass einem ortsbezogenen Gemeinschaftsgefühl, der Akzeptanz (ländlicher) tradierter Bräuche, der Provinz als solcher irgendetwas Positives abgewonnen werden könnte. Seine Methode ist es, alle auch nur ansatzweise affirmativen Urteile zur Heimat kompromisslos unter das Verdikt wahlweise des Nationalismus, Rassismus, der Xenophobie, Eckkneipen-Dumpfheit, Spießigkeit … fallen zu lassen. Eine etymologische Herleitung und eine sozialhistorische Illustration des Begriffs gibt der engbegrenzte Rahmen seiner Bestandsaufnahme nicht her.

Unvergrübelt volkstümliche DDR

Ein Kapitel ist überschrieben mit „Ein Kessel Braunes: der Fall DDR“. Im Bezug auf die DDR wird Ebermann vorübergehend ein wenig weicher, er rügt aber, dass schon im Frühstadium des realen Sozialismus „die (sozialistische) Heimatliebe in den Rang von Selbstverständlichkeit und überwältigender Gefühlstiefe erhoben“ wurde. Er bemerkt, dass die 240.000 Mitglieder in Laientheatern, Chören, Volkstanzgruppen, die Naturschützer, Hobbyarchäologen, Vogelkundler, Heimatschriftsteller,  „fast ausnahmslos ‚loyale Unterstützer des Dritten Reichs‘ gewesen waren“, räumt aber immerhin ein, dass man bei deren Umerziehung von ihrer lebensgeschichtlichen Prägung ausgehen musste. Allerdings habe dann Johannes R. Becher, ab 1954 Minister für Kultur, die DDR-Heimatliebe „gewollt und geschürt“. Ebermann kritisiert Schlagersendungen, Volksfeste, das „ganze von vielen DDR-Bürgern geliebte Grauen“, das man im Obernhofer (sic!) Bauernmarkt besichtigen konnte. Gönnerhaft gesteht er der DDR zu, auch qualitätvolle Kultur produziert, Autoren, Theatermacher, Künstler von Rang hervorgebracht zu haben. Aber „prägend, allgegenwärtig, hegemonial wurde das ganz andere, das unvergrübelt Volkstümliche, das heimatverbundene Heitere, jenem Menschenschlag zugewandte, der gerade in seiner bornierten Provinzialität (…) der ideale Aufbauer einer neuen Ordnung war …“.

Heimatfeindschaft.de

Aktueller als die Abrechnung mit einer lange abgesetzten Fernsehsendung sind Ebermanns Erledigungen gegenwärtiger (alt)linker Heimatfreunde:  Oskar Negt (völlig geschichtsvergessen), der Verleger Olaf Sundermeier (Erlöschen der Gesellschaftskritik), der langjährige Gefängnispsychologe Götz Eisenberg (patriotischer Dachschaden). Feinfühlig geht der Autor mit den von ihm enttarnten linken Wegbereitern rückschrittlicher patriotischer Politik nicht um. Aber er trägt doch interessante Einzelbeobachtungen zusammen, analysiert oft scharfsinnig, formuliert pointiert. Auch wer seine Ansichten nicht teilt, sich provoziert fühlt, muss ihm zustimmen, wenn er sagt, dass „Heimat boomt“ und dass auch im „linken Heimatdiskurs“ immer die Gefahr besteht, die gesellschaftliche Reflexion zugunsten absolut gesetzter Gefühlswerte zu vernachlässigen. Aber so konziliant formuliert der Polemiker fast nie.

Sein Credo ist eben die Heimatfeindschaft, über die mehr erfahren kann, wer die Homepage unter diesem Namen anklickt oder gleich zum Bühnenprogramm Heimat – Eine Besichtigung des Grauens geht, das Ebermann mit Partnern im ganzen Land aufführt. Das Grauen besteht unter anderem in „Zeitschriften, die das richtige Anlegen von Rosenbeeten“ lehren, in Songs, die den Liebreiz trostloser Gegenden besingen, im Singen von Volksliedern überhaupt, im Beschnuppern und Verzehren von Bratwürsten (das kommt auch im Buch so häufig vor, dass die Annahme erlaubt ist, Thomas E. sei in seiner Kindheit durch erzwungenen Bratwurstgenuss traumatisiert worden), kurz: in allem Idyllischen, Harmonischen, Überkommenen, in Brauchtum, Familie, Dialekt, Tracht und „weiteren Höllen“. Wer versucht, alternative Heimatbegriffe von links zu denken, ist schon kontaminiert und verwendet ein Konzept, das lediglich als Platzhalter fungiert in einer Zeit, in der „Blut und Boden“ nur vorläufig noch Stirnrunzeln erzeuge. Würde man Ebermanns Tiraden als abgehoben und herablassend, fischblütig,  pauschalisierend und verstiegen charakterisieren, er fühlte sich gewiss geschmeichelt.

2 Gedanken zu „Ein Prosit oder Tod der Gemütlichkeit!?

  1. Heimat ist für mich ganz konkret der Ort an dem man lebt oder lebte. Alles Weitere ist Empfindung, der Ort, an den man zurück will oder nicht, nach dem man sich sehnt, das Vertraute, das man ablehnt oder pflegt, was keinesfalls von einem Ministerium geregelt werden kann; ein Wort, das kaum in andere Sprachen zu übersetzen ist : Monsieur S , chef du ministere de la patrie ? Oder wie?

    • Wir freuen uns immer über ein Echo, Danke.

      Seltsam, dass Nachdenken über Heimat so oft aus einem Verlustgefühl entsteht und meist erinnerungsbeladen oder nostalgisch ist.

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