Oma kommt aus Schlesien …

Exponat im Deutschen Historischen Museum (Berlin)

…genauer: aus Oberschlesien oder Niederschlesien. Dass zwischen den beiden Teilen der Provinz Schlesien ein großer Unterschied bestand und besteht, ist vielen nicht bekannt. Dass beide Teile, heute aufgeteilt in die Woiwodschaften Opolskie, Śląskie, Dolnośląskie, nicht mehr zu Deutschland gehören, schon eher. Dass es nach dem Zweiten Weltkrieg Bevölkerungsverschiebungen von Ost nach West gab und etwa 14 Millionen Menschen aus den Ostprovinzen des Deutschen Reichs seit Ende 1944 nach Westen flüchteten oder dorthin umgesiedelt, ausgewiesen oder vertrieben wurden – die Wortwahl folgt der jeweiligen weltanschaulichen Optik –, wissen zumindest all jene, die aus einer Vertriebenenfamilie stammen.

Foto: Tohma/Wikipedia

Ende Oktober des vergangenen Jahres organisierte das HAUS SCHLESIEN in Königswinter schon zum dritten Mal ein Seminar für „Kinder und Enkel Vertriebener“.    Die Idee ist, seelische und identitätsrelevante Auswirkungen der Vertreibungen auf nachfolgende Generationen erkennbar werden zu lassen, aber auch das kulturelle Erbe der Schlesier im Bewusstsein zu halten.

In idyllischer Umgebung fanden sich etwa 50 Teilnehmer ein, allgemein Interessierte ebenso wie einige, die den eigentlichen Heimatverlust noch durchgemacht hatten. Die Mehrzahl der Zuhörer waren allerdings tatsächlich Nachfahren von Vertriebenen.

Der einleitende geschichtlich orientierte Vortrag zeichnete den Lebensweg zweier oberschlesischer Frauen nach, die sich nach einem langen Weg gen Westen in den 50er Jahren in Nordrhein-Westfalen beziehungsweise Sachsen-Anhalt angesiedelt hatten. Der Referent, der Leiter des Düsseldorfer Gerhart-Hauptmann-Hauses, Prof. Dr. Halder verriet am Ende, dass er seine beiden Großmütter Edeltraut und Elisabeth porträtiert hatte.

Es folgte ein auch didaktisch gelungener Beitrag mit eindrucksvollen Bildern über „Neue Heimat?! Zur Ankunft der Flüchtlinge und Vertriebenen“. Achim Westholt vom „Haus der Geschichte“ in Bonn erläuterte die anfangs schwierige Situation der Vertriebenen im Westen, insbesondere in den Durchgangs- und Standlagern.

Rita H. (1924-2012), geboren in Beuthen, verschlug es über Unterfranken nach Düsseldorf.

Allen Vorträgen schloss sich eine Diskussionsrunde in kleinen Gruppen wechselnder Zusammensetzung an, in denen die Seminarteilnehmer ihre Einschätzungen oder auch familiäre Erfahrungen zum jeweiligen Thema austauschen konnten.

Am Folgetag widmete sich der Psychoanalytiker und Arzt Bertram v. d. Stein der Frage, wie Traumatisierungen an weitere Generationen „vererbt“ würden. Zunächst habe die psychologische Wissenschaft Vertriebene als Gruppe kaum im Blick gehabt. Nachdem zunächst KZ-Überlebende therapiert worden waren, richtete sich das Augenmerk in den 90er Jahren auf das Los von Folteropfern allgemein sowie auf Flüchtlinge und in diesem Zusammenhang auf die Erlebnisse von Vertriebenen bzw. deren Nachkommen.  Der Analytiker meint, traumatische Erlebnisse würden gewissermaßen an die nächste Generation „delegiert“ und erst die therapeutische Durcharbeitung erschließe den Grund für neurotisches Verhalten wie ein Übermaß an Schuldgefühlen, unerklärte Aggressionen, Überanpassung.

Nicola Remig, Leiterin des Dokumentations- und Informationszentrums

Eine Begehung der Dauer-Ausstellung im HAUS SCHLESIEN, die übrigens nach Abschluss der Tagung in der bisherigen Form nicht mehr existieren wird, vermittelte noch einmal einen Eindruck schlesischer Geschichte. Ähnlich wie im Oberschlesischen Landesmuseum in Ratingen-Hösel bei Düsseldorf hat man erkannt, dass die Sammlung reorganisiert und vielleicht erweitert und die Präsentation der Objekte moderner, besucherfreundlicher gestaltet werden muss. Ein Highlight in Königswinter war und wird vermutlich bleiben: Der Zitronenholzflügel aus dem Besitz Gerhart Hauptmanns! Das Instrument, das der Dichter bei „Steinway & Sons“ erstanden hatte, ist regelmäßig bei Konzerten im Einsatz.

Den letzten Vortrag bestritt die renommierte Reiseschriftstellerin Roswitha Schieb, die sich u.a. mit ihrem literarischen Stadtführer Breslau verdient gemacht hat. Sie schilderte die widersprüchlichen Gefühle, die sie bei einer Reise mit ihrer Mutter in deren schlesische Heimat bewegten. Selbst 1962 in der Bundesrepublik geboren und dort sozialisiert muss sie erkennen, dass ungeachtet der territorialen Zugehörigkeit Geschichte in komplexer Weise weiterlebt. Ihr Buch Eine Reise nach Schlesien und Galizien. Eine Archäologie des Gefühls (erschienen 2000) ist eine Lektüre wert.

Wir werden demnächst unseren Blick Richtung Oberschlesien wenden und von Annäherungen berichten, die schon einige Jahre zurückliegen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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