Ansichten vom Niederrhein (II)

Haben die deutschen Stämme unterschiedliche Mentalitäten? Gibt es den sturen Westfalen, den fleißigen, zugleich behäbigen Schwaben, den wortkargen, abweisenden Märker, den fröhlichen Rheinländer wirklich? Und haben sich diese landschaftlich geprägten Sinnesarten erhalten, gibt es Restbestände, welchen Veränderungen unterliegen sie? Die subjektive Empirie von Reisenden, sofern aufgezeichnet, gesammelt und von Sozialgeschichtlern ausgewertet wird später Antworten geben können.

Flanieren

Das fast absichtslose Umhergehen, früher auch Lustwandeln genannt, trägt den Flaneur am ersten Tag in Düsseldorf von der Herberge („Hab einen schönen Tag“, ruft die muntere Rezeptionistin dem Gast noch zu, bevor er die beidseitig zurückweichenden Glasflügel der Hotellobby nach draußen durchschreitet.) Richtung Norden. Der schöne, streng neoklassizistische Bau des Warenhauses Karstadt steht noch da. Hier blieben Frauen, so auch meine Mutter,  beim Eintreten manchmal mit ihren Pfennigabsätzen im Gitter stecken, das den Schmutz der Schuhsohlen von Kunden vermindern sollte. Zuvor hatte man schon die Verkäufer von Kokosnussspalten passiert und sich um Weihnachten herum, etwa am trubligen  Goldenen Sonntag , an einem Nikolausmimen oder Weihnachtsmann vorbeigeschlängelt. Ritueller Höhepunkt und Abschluss jeder Einkaufsrunde war ein Besuch im Erfrischungsraum. Am Stehtisch gab es ein Wiener Würstchen des bayerischen Fleischproduzenten Zimmermann, dazu ein Röggelchen und Senf von Bergraths selige(r) Witwe.  Zimmermanns Dosenwürstchen haben die Zeiten überstanden, anders als Karstadt, das sich mittlerweile mit dem alten Konkurrenten Kaufhof zusammengetan hat und nun als Galeria ums Überleben kämpft. 

Ein Philosoph

Es ist ein heißer Tag und selbst die wenigen Schritte zum Wohnhaus Jacobis, des Freundes von Goethe, wollen mit Bedacht gesetzt sein. Am Rande des Hofgartens hinter dem Malkasten ist also die Wohnstätte von Friedrich Heinrich Jacobi ((1743 – 1819). Mit der Straßenbahnlinie Vier bin ich ahnungslos zahllose Male an dem Anwesen vorbeigefahren, jetzt muss ein Besuch nachgeholt werden. Das gedenkgerecht aufbereitete Haus des Philosophen, Schriftstellers und Wirtschaftsreformers ist allerdings pandemiebedingt verschlossen. Der Blick ins Internet ergibt, dass der Kritiker von Sturm und Drang und Empfindsamkeit hier auf dem Landgut Pempelfort zusammen mit seiner Frau Betty von Clermont viele bedeutende Persönlichkeiten des ausgehenden 18. Jh. zum geistigen Austausch empfangen hat, darunter neben Goethe auch Diderot, Wieland, Herder, die Humboldts, Georg Forster, Anna Amalia von Sachsen-Weimar, Sophie La Roche … Überdies korrespondierte Jacobi mit zahlreichen Denkern und Dichtern von der Aufklärung bis zur Romantik sowie mit den Philosophen des deutschen Idealismus. Er beschäftigte sich intensiv mit Spinoza, über den er sich mit Moses Mendelssohn austauschte. Der kleine Park hinter dem Haus, nur nach Entrichten eines Eintrittsgelds zugänglich, ist gut gepflegt. Die Hitze des Tages vergessen machen die von einem freundlichen Gärtner betriebenen Regner in den Anlagen mit großem Baumbestand, einem Teich und einigen Skulpturen. Eine von ihnen erinnert an die für die rheinische Kunst bedeutende Mutter Ey. 1864 am Niederrhein geboren, kam Johanna Ey als Neunzehnjlährige nach Düsseldorf, heiratete einen Braumeister und brachte zwölf Kinder zur Welt. Nach der Ehescheidung eröffnete sie in der Nähe der berühmten Düsseldorfer Kunstakademie ein Café, das zu einem beliebten Anlaufpunkt der örtllichen Bohème wurde.Noch während des Ersten Weltkriegs eröffnete sie eine Galerie, die sich zum Mittelpunkt der Malergruppe Junges Rheinland entwickelte. Sie war erfolg- und einflussreich. Ihren 65. Geburtstag würdigte Max Ernst in Versform: großes ey wir loben dich, ey wir preisen deine stärke, vor dir neigt das rheinland sich und kauft gern und billig deine werke. 1934 schloss Johanna Ey ihre Galerie, nachdem sie von der nazistischen Stadtverwaltung schikaniert worden war, 1947 ist sie gestorben.

Altstadt

Wer sich in Richtung Rhein durch den Hofgarten – Napoleon war hier: hoch zu Pferde – begibt, ist bald am Ende der Königsallee und am Anfang der Altstadt. An warmen Sommertagen hört man beim Näherkommen das Gemurmel der Gäste der Altbierkneipen, sieht die blaubeschürzten Kellner, hier Köbes (rheinisch: Jakob) oder auch Zappes (Zapfer) gerufen, die das braune obergärige Bier in kleinen Gläsern herumtragen und immer zur Stelle sind, sollte ein Glas leer sein. Setzt man sich zum Essen, kommt man oft rasch ins Gespräch. Die Rheinländer erscheinen unverkrampft, was man vielleicht stärker empfindet, wenn man in der Ferne lebt. Der Besucher kann  sich aber auch an der Sprachmelodie der Einheimischen erfreuen, dem fließenden Singsang mit Höhen und Tiefen und einer Ahnung des Niederdeutschen, dessen Grenze zu den oberdeutschen Dialekten nach dem südlichen Düsseldorfer Vorort Benrather Linie benannt wurde. 

Röggelchen, Flöns, Alt, Kultsenf

Nach dem späten Mittagessen passiert der Flaneur die St. Lambertus-Basilika und stockt an der Düssel beim Stadterhebungsmonument des Künstlers Bert Gerresheim. Das Fischerdorf Düsseldorf bekam von den Grafen von Berg 1288 das Stadtrecht zuerkannt. Das war eine Folge des Limburgischen Erbschaftsstreits, in dessen Verlauf der Erzbischof von Köln und der mit der Gegenseite verbündete Graf Adolf von Berg sich bekriegten. Bei der Schlacht von Worringen unterlag der Bischof. Hier wurzelt die Rivalität zwischen Köln und Düsseldorf, heißt es. Wohl eine Fehleinschätzung, hatten bei besagter Schlacht doch auch die Kölner Bürgerschaft zusammen mit den bergischen Bauern gegen den Kirchenvertreter gekämpft. Um die Ecke und schon unmittelbar am Rhein steht der Alte Schlossturm, Überrest der Residenz der Grafen bzw. nachmaligen Herzöge von Berg.

 

Zerrissener Dichter

Die Promenade den Fluss entlang führt mich nach einigen hundert Metern und einem Linksschwenk zum Heine-Denkmal, ebenfalls von Bert Gerresheim. Es ist ein geradezu gewalttätiges Zerschneidungsobjekt, das vornehmlich den Kopf des jahrelang dahinsiechenden, an seine Matratzengruft gefesselten, körperlich versehrten, vom Künstler gewissermaßen obduzierten Dichter zeigt. Jemand hat es etwas harmlos als „Ausdruck der Zerrissenheit“ Heines gedeutet. Der selbst hatte schon prophezeit: In Düsseldorf wird mir dann wohl ein Monument gesetzt werden.“  Das schrieb er schon 1837 an seinen Bruder Max. Zuvor hatte er angemerkt: Ich werde wahrscheinlich die Zahl jener edelsten und größten Männer Deutschlands vermehren, die mit gebrochenem Herzen und zerrissenem Rock ins Grab steigen. Ein gefälliges Repräsentations- und Imponierdenkmal, man denke an den eisernen Kanzler in Hamburg, ist sein Monument am Schwanenspiegel zu Düsseldorf nicht geworden.

Die Geschichte der Düsseldorfer Projekte für ein Heinedenkmal ist lang, windungsreich und manchmal so skurril, dass der Heine der Reisebilder ein guter Chronist für sie gewesen wäre. Einige Skulpturen waren für Düsseldorf geplant, wurden aber letztlich auf Korfu, in New York, Toulon und anderswo aufgestellt. Auf Norderney steht eine vom alten Arno Breker geschaffene Statue vor dem Kurtheater. Düsseldorf wollte wohl einer Gesinnungskritik entgehen. Gerresheims Werk immerhin wurde zum 125. Todestag Heines enthüllt, war sofort stark umstritten, wurde von Empörten  als „Schandmal“ gebrandmarkt, als „Schrottplatz“ diffamiert und wegen der „übertriebenen Judennase“ als antisemitisch empfunden. Ein Denkmal, „zu dem man gerne hingeht“, ist es nicht, ein Kunstwerk, das einen nicht loslässt, aber sicher.

(wird fortgesetzt)

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