Ansichten vom Niederrhein (III)

Der Tag vor der Abreise soll ohne fest geplante Ziele verlaufen.  In der Rückschau erweist sich jedoch meist, dass man Orte die angesteuert hat, die man immer aufsucht: das Senflädchen, den Kultbäcker Hinkel, den Arganölimporteur am Karlsplatz und nach dem Besuch des dortigen  Markts mit Produkten niederrheinischer Bauern das Café de Bretagne mit seinen Fischspezialitäten.

Au revoir

Der Weg zu den genannten Örtlichkeiten führt zunächst zur kleinen Anlage des Kö-Gärtchens. Hier beschwört die Bronzefigur der Kugelspielerin des Bildhauers Walter Schott den Moment, in dem ein Mädchen sein Spielgerät loslassen will: aber es wird sich nie von ihrer Hand lösen. Anmutig. Vor einiger Zeit war die Skulptur abmontiert worden, um einen Abguss der Figur für ein Duplikat im „Volksgarten Luisenhain“ in Köpenick zu ermöglichen. Die Kunstgießerei Schmäke hat die Arbeit vollbracht und nun ist das Original wieder am Ort.

Eine früh aufgebrochene Spaziergängerin betrachtet mit mir einige Krähen, die sich in den Blumenrabatten tummeln und wir kommen ins Gespräch. Sie lobt den kleinen Park und die Intelligenz der Krähen, insbesondere jener im Großraum Tokio. Die nämlich verwenden weggeworfene Drahtbügel für ihre ausufernde Nestarchitektur. Die ornithologisch Interessierte berichtet von ihren (nicht der Krähen) routinemäßigen frühmorgendlichen Touren, auf denen sie beim nahegelegenen Schwanenteich schon mehrfach einen Eisvogel beobachtet hat, eröffnet mir, dass sie pensionierte Lehrerin sei und ihre Heimatstadt gernhabe und nicht immer verreisen müsse. Im Rheinland liebt man es zu plaudern, sagt das sich gerade bestätigende Vorurteil; die mitteilsame Dame gibt mir noch den Tipp, das Heine-Denkmal zu besuchen und verabschiedet sich freundlich. Nach einem kleinen Schwenk zum bergischen Löwen, dem Wappentier Düsseldorfs beschließe ich folgsam, nocheinmal bei Heines Monument vorbeizuschauen, bewundere einige Details wie die kleine Trommel mit der Parole der Französischen Revolution, und steuere das Stadtmuseum an, das im südlichen Teil der Altstadt liegt. Dorthin lockt den Interessierten die Dokumentation der Stadtgeschichte: vom mittelalterlichen Fischerdorf zur Residenz-, Kunst-, Gartenstadt,  vom bedeutenden Industrie- und Wirtschaftszentrum bis zum Regierungssitz des Landes Nordrhein-Westfalen.

Vexierfeld „D“

Neben der ständigen Ausstellung gibt es aktuell eine Würdigung des Düsseldorfer Bildhauers Bert Gerresheim, dessen Ehrung 2020 anlässich seines 85. Geburtstags coronabedingt ausfiel. Die schon aufgebaute Exposition wurde nun doch eröffnet und bis in den Hochsommer 2021 verlängert. Der Ur-Düsseldorfer wurde in eine katholisch geprägte Familie geboren, ein Onkel war Kommunist, den die Nazis verfolgen. Gerresheims Mutter ist mit Mutter Ey bekannt und diese vermittelt den 15-jährigen Bert an den an der Kunstakademie lehrenden Künstler Otto Pankok, in dessen Klasse er später aufgenommen wird. In den sechziger Jahren stellt er erstmals aus, verbringt ein Jahr (67/68) in der Villa Massimo in Rom. Er arbeitet 27 Jahre am Lessing-Gymnasium der Heimatstadt. 1972 tritt er in den weltlichen Ordo Franciscanus Saecularis ein, dessen Programm es ist, „in der Nachfolge Jesu auf franziskanische Weise“ zu leben.

Foto: Boris Zorn/Wikipedia

Die Ausstellung im Stadtmuseum interpretiert das Werk Gerresheims als Ausdruck des „Vexierens“, die quälende Verzerrung des oberflächlich Realen in Zeichnungen und Bronzen, der Künstler selbst spricht von einem Vexierfeld (Düsseldorf, Deutschland, Dante?), innerhalb dessen Vexierporträts und Vexierporträts entstanden sind, die G.’s Herkunft aus dem Surrealismus mit Einflüssen von Max Ernst und James Ensor erkennen lassen. G. hat sich intensiv mit den Porträts von Francis Bacon auseinandergesetzt. Der eigentliche Bezugsrahmen ist aber wohl die religiöse Welt, insbesondere jene Dantes und seiner „Divina Commedia“, die Reise durch Hölle, Fegefeuer und Paradies(erwartung). Sein Leben lang hat Bert Gerresheim das Thema der Apokalypse verfolgt. Es scheint, dass sein künstlerisches Streben in der Kevelaerer Apokalypse von 2002 kulminiert: ein Bronzerelief mit 260 einzelnen Figuren aus dem Jahr 2002. Dass ein so zeitgeistresistenter wie betriebsferner Einzelgänger kein gewaltiges Medienecho ausgelöst hat, verwundert nicht. Das muss nicht so bleiben.

Die Düsseldorfer Altstadt

Sie ist kaum noch mittelalterlich geprägt, umfasst weniger als ein Prozent der Stadtfläche, hat aber eine große Dichte an Kneipen, mehrere Kirchen verschiedener Epochen (St. Lambertus, St. Andreas), den wuchtigen Schlossturm, den Jan-Wellem-Platz und eine lange Rheinpromenade, die fast immer stark bevölkert ist. In der lebhaften Bolkerstraße war das Geburtshaus Heines, dessen Nachfolgebau einen steinernen Hinweis darauf enthält. Zur Maxkirche, wo seine Schule war, hatte es der junge Harry nicht weit. Und er hat seinen Lehrern ironische und in Teilen freundliche Porträts gewidmet. Gleich um die Ecke ist die Citadellstraße, die schon deshalb einen Abstecher lohnt, weil dort das Heinrich-Heine-Antiquariat immer etwas Mitnehmenswertes bereithält und der Besitzer einem Gespräch, diesmal über Identitätspolitik und Gendersprache, also über den Zeitgeist, nicht abgeneigt ist. Ein, zwei leicht angegilbte Bändchen der Bibliothek Suhrkamp werden das Reisegepäck schon nicht belasten, dieses Mal Walter Benjamins Berliner Chronik. Mit diesem Titel ist die Zielgegend der Rückreise angedeutet: des Heiligen Römischen Reiches Streusandbüchse. Zu den Märkern, die, wenn man aus dem Rheinland kommt, immer schwerblütig wirken.

 

 

 

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