Im Café Central

Die Reise nach Wien war lange im voraus geplant, denn es mussten begehrte Eintrittskarten erworben werden. Wir wollten über Bratislava fahren und eine Vorstellung von „Die letzten Tage der Menschheit“ besuchen, Karl Kraus‘ Antikriegsstück, mit Verpflegungspausen sieben Stunden lang, inszeniert von Paulus Manker in einer alten Eisenbahnremise. Die Aufführung wurde in den Herbst verschoben, aber als bekannt wurde, dass Österreich am 15. Juni seine Grenzen öffnet, haben wir nur den slowakischen Part storniert und sind gefahren.

Zum Glück waren wenigstens einige Museen geöffnet, denn es regnete am Wochenende stundenlang wie aus Kübeln. Zum Glück gibt es die Kaffeehäuser, die von früh bis Mitternacht die Hungrigen und Durchnässten empfangen. Dort scheint die Zeit stehen geblieben zu sein: Kellner, die man, ohne darüber nachgedacht zu haben, mit „Herr Ober!“ anredet, platzieren die Gäste, es gibt einen großen Braunen und Kipferl (weder Latte macchiato noch irgendwas Veganes), und jedes der Traditionshäuser kann auf eine illustre Gästeliste verweisen. Sigmund Freud war Stammgast im Café Landtmann, Thomas Bernhardt im Bräunerhof, Heimito von Doderer im Hawelka.

Das berühmteste von allen ist freilich das Café Central, seit 1868 im Palais Ferstel untergebracht, Treffpunkt der Literaten seit dem Fin de siècle, nach dem Zweiten Weltkrieg geschlossen, 1982 wiedereröffnet und heute auch eine Touristenattraktion. Doch neben den Menschen in bunter Sportkleidung, die offenbar für Stadterkundungen als besonders praktisch empfunden wird, gibt es an diesem Samstagmorgen auch noch ein mutmaßliches Stammpublikum, das von den Kellnern besonders freundlich empfangen und verabschiedet wird. Leider scheint das „Küss die Hand…“ und „Habe die Ehre…“ aber doch aus der Mode gekommen zu sein.

Den Vorschriften zur Eindämmung der Pandemie geschuldet, trägt das Personal Plexiglasschilde und die Speisekarte soll möglichst per QR-Code aufs Smartphone geladen werden. Doch ansonsten läuft der Betrieb ganz normal, nur Eier im Glas sind umständehalber nicht verfügbar.

 

Alfred Polgar schrieb über das Café Central: „Es ist ein rechtes Asyl für Menschen, die die Zeit totschlagen müssen, um von ihr nicht totgeschlagen zu werden. Es ist der traute Herd derer, denen der traute Herd ein Greuel ist, die Zuflucht der Eheleute und Liebespaare vor den Schrecken des ungestörten Beisammenseins.“ Da fühlen wir uns gut aufgehoben, die wir doch am 19. Juni etwas zu feiern hatten. Wer dabei war, wird sich vielleicht erinnern.

Ein anderes Bild zeichnet Anton Kuh: „Der Kaffee roch wunderbar und auf dem großen Rundtisch schichteten sich die Zeitungen in allen Landessprachen. Dort hinten aber residierte das Feuilleton. Es schleppte sich um die Jahrhundertwende als Rattenschweif Peter Altenbergs ein, des ersten und eigentlichsten Kaffeehausdichters, der nebenan im alten Absteighotel London wohnte, inmitten improvisierter Liebespaare, aber als seine Adresse in den Kürschner eintrug: Wien, 1. Bezirk, Café Central.“  Ihm hat man gleich am Eingang ein Denkmal gesetzt (siehe oben), zur Zeit natürlich mit Maske versehen.

 

 

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