Wo der Stahl gehärtet wird

„Und ab 1975 hatten wir hier Kabelfernsehen“, sagt Herr Harz, der Wert darauf legt, dass er sich nicht mit „tz“ schreibt, „ARD, ZDF, NDR 3, DDR1 und 2“. Er führt uns durch die Wohnsiedlung 1, erbaut für die Stahlarbeiter einer Stadt, die noch gar keinen Namen hatte. Unter dem Motto „Stahl, Brot, Frieden“ als sozialistische Planstadt errichtet, war sie ab 1953 Stalinstadt – für acht Jahre. Weitere Siedlungen entstanden, zunächst mit Zweiraumwohnungen von 45 qm. Die Gebäudekomplexe haben schlichte Fassaden, vermitteln aber durch vor- und zurückgesetzte Teilabschnitte nicht den Blockcharakter der späteren Plattenbauweise. Hochwertiges Material wurde verarbeitet: Haustüren und Einfahrten sind mit rotem Sandstein umrandet, Dächer mit Schieferplatten gedeckt, Fassadenbilder aus Meißner Porzellan gefertigt. In den Wohnsiedlungen 2 und 3 wird – fern jeglicher Bauhausästhetik – der Wille zum Ornament deutlicher: verschnörkelte Balkongitter, Stuckrosetten, Veranden im Fachwerkstil und  Reliefs mit figürlichen Darstellungen verschönern Fassaden. Die handwerklich meisterhafte Ausführung dieser „Kunst am Bau“ betont Herr Harz nicht ohne Stolz.

Das größte Flächendenkmal Deutschlands

Den Arbeitern des Stahlwerks sollte es im Alltag an nichts fehlen: Kindergarten, Schule, Kaufhalle waren schnell erreichbar, begrünte, weiträumige Höfe der Erholung förderlich, Brunnen und sogar Planschbecken für die Kleinsten sorgten im Sommer für Erfrischung. Als ehemaliger Geschäftsführer der Gebäudewirtschaft hat unser Führer neben profundem Sachverstand auch einen reichen Schatz an Anekdoten zu bieten. Im Kabelfernsehen sei dann 1988 auf Wunsch der Parteileitung der NDR durch RTL ersetzt worden. Man habe freitags abends Tutti Frutti sehen wollen, eine Sendung, in der barbusige Schönheiten nicht mit ihren Reizen geizten.

Seit 1984 sind die Wohnsiedlungen in Eisenhüttenstadt ein Flächendenkmal. Nach den Vorgaben des Denkmalschutzes restauriert, wenn auch teilweise in Pastellfarben, die nicht jedem gefallen mögen, sind sie zu einer regelrechten Touristenattraktion geworden, was der Stadt, deren Einwohnerzahl von 53000 auf ca. 27000 gesunken ist, nur recht sein kann. Einige Plattenbausiedlungen hat man inzwischen abgerissen, auch Teile der Wohnsiedlungen, aber keine straßenseitigen Gebäude, so dass der Eindruck der geschlossenen Bebauung erhalten geblieben ist.

Tagesausflug für Wissbegierige

Wir sind mit Regiotours unterwegs, laut Eigenwerbung ein Angebot für „jene Generation, die älter ist, aber nicht alt; die eine Menge weiß, aber noch mehr wissen möchte; die viel gesehen hat, aber noch längst nicht genug“ . Genau! Und jetzt fiebern wir dem Höhepunkt des heutigen Tages entgegen, der Besichtigung des EKO-Stahlwerks, das nach der Privatisierung und etlichen Besitzerwechseln heute Arcelor-Mittal gehört, dem weltgrößten Stahlproduzenten. Das Mittagessen wird in der Werkskantine eingenommen: saure Eier mit Rote-Bete-Salat oder Rinderbrust in Meerrettich-Sauce? Falls sich der eine oder andere Reiseteilnehmer Hoffnung auf ein Bierchen gemacht hat, wird er enttäuscht, denn auf dem gesamten Werksgelände herrscht Alkoholverbot.

Das ist freilich nur eine der Vorsorge- und Schutzmaßnahmen, denen sich auch der Besucher fügen muss: Schutzhelm, Brille und blauer Kittel werden angelegt, bevor es ins Warmwalzwerk geht. „Ah, sehen Sie, da kommt gleich eine Bramme aus dem Ofen!“ Als das Tor sich für einige Sekunden öffnet, blicken wir in den Schlund der Hölle. Der orangefarben glühende Stahlblock ist auf 1280 Grad erhitzt worden und wird nun vollautomatisch zu einer Walze transportiert, die ihn in fünf bis sieben Durchläufen auf die vom Kunden gewünschten Dimensionen herunterwalzt. Wir Ausflügler sind an diesem Dezembertag wettergerecht gekleidet, in dicken Daunenjacken, mit Schals und Mützen sind wir bestens für einen Spaziergang ausgerüstet, doch nun rollt ein Hitzeschwall von gut 40 Grad über uns hinweg. Manchem bleibt da fast die Luft weg. Am Ende der Walzstraße wird das nun flache Warmband zu einem so genannten Coil aufgehaspelt, fixiert, gestempelt und für den Versand oder für die Weiterverarbeitung bereitgestellt.

Verluste und Perspektiven

Auch am Standort Eisenhüttenstadt wird die Globalisierung der industriellen Produktion deutlich: die Kontrolle des Unternehmens hat die indische Unternehmerfamilie Mittal, das Erz kommt aus Brasilien, der Koks aus Polen. Inzwischen ist das bedeutendste Herstellerland für Stahl China, gefolgt von Japan und den USA. Von den zeitweise 12 000 Beschäftigten im Eisenhüttenkombinat Ost sind ca. 2500 übrig geblieben. In der Walzstraße laufen die Arbeitsprozesse vollautomatisch, Arbeiter sehen wir nur in den Außenbereichen und Steuerungszentralen. Immerhin: Für 2017 sind Ausbildungsplätze für Industriekaufleute, Elektroniker und Eisenbahner ausgeschrieben – mit Übernahmegarantie.

Wir sind in der Hitze der Walzstraße durstig geworden, doch wir müssen uns noch gedulden. In gut eineinhalb Stunden bringt uns der Regionalexpress nach Berlin zurück. Andere Besucher Eisenhüttenstadts hatten freilich einen längeren Heimweg. Tom Hanks, weltberühmter US-Schauspieler, schwärmte nach seinem Besuch von „Iron Hut City“, sehr zur Freude der Stadt, die gleich T-Shirts entsprechend bedrucken ließ. Zwei Jahre später kam der Star erneut vorbei, um am Ort einen himmelblauen Trabbi zu kaufen. Wenn das keine Werbung ist!

 

Diesen Ausflug haben wir im Dezember 2016 gemacht.

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