Pirna

Rathaus, St. Marien, Canaletto-Haus, im Hintergrund Festung Sonnenstein

Welch ein Glück für das Stadt-Marketing, dass August III. im Jahr 1753 Bernardo Bellotto nach Pirna schickte. Der fleißige Maler, der sich nach seinem bereits berühmten Onkel Antonio Canal „Canaletto“ nannte, schuf dort zehn Gemälde, darunter „Der Marktplatz zu Pirna“. Heute befindet sich die Touristeninformation im so genannten Canaletto-Haus, das schönste Café der Stadt benannte sich nach dem Maler und zwischen alten Bäumen führt ein Canaletto-Weg von der Schifftorvorstadt zu den Terrassen unterhalb der Festung Sonnenstein.

Seit dem 15, Mai ist der Tourismus nach Sachsen wieder zugelassen und so konnten wir unsere schon vor längerer Zeit gebuchte Ferienwohnung tatsächlich beziehen.

Pirna hat rund 40 000 Einwohner und streckt sich an der Elbe entlang, blickt auf eine sächsisch-böhmische Vergangenheit zurück und verfügt über eine hübsche Altstadt, an deren pittoresken Häusern man oft die Pegelstände des durch die Jahrhunderte wiederkehrenden Hochwassers ablesen kann. 2002 drangen die Fluten bis weit in die Innenstadt und erreichten auch mindestens das erste Stockwerk der nicht allzu elbfernen Gebäude.

Der Ortsname soll aus dem Sorbischen stammen und „auf dem harten Stein“ bedeuten; eingängiger ist freilich die volksetymologische Ableitung von „Birne“, und so findet sich auch ein Birnbaum, von zwei Löwen flankiert, im Stadtwappen. Der Kellner des kleinen Lokals „Felsenbirne“ wusste bestens über die Zusammenhänge Bescheid, die er beim Servieren der marinierten Mairübchen an Wasabicreme vortrug. Das Lokal hatte an diesem Montagabend nur wenige Gäste, war aber eigentlich gut besucht; allerdings waren die Tische weit auseinandergerückt worden, um den Mindestabstand einzuhalten.

Der Malerweg, 112 km lang und auf 8 Tagesetappen ausgelegt, ist den Malern der Romantik, allen voran Caspar David Friedrich, gewidmet, die die spektakulären Formationen des Elbsandsteingebirges verewigten. Wir sind nur ein Teilstück des angeblich schönsten Wanderwegs Deutschlands gelaufen, von Wehlen aus über den Bären- und Rauenstein nach Rathen, mit einmaligen Ausblicken auf die Bastei.

Nur wenige Kilometer von Pirna entfernt hat der Vater des oben erwähnten Sachsenkönigs, August der Starke, seinem Idol, dem Sonnenkönig, nachgeeifert und ein kleines Versailles in Auftrag gegeben. Die Schlossanlage von Großsedlitz samt ihrem Barockgarten hatte nach glanzvollen Tagen eine bewegte Geschichte. Im Siebenjährigen Krieg wurde sie stark beschädigt; es folgten Leerstand und Teilabbruch, der Neubau des so genannten Friedrichsschlösschens, in dem sich heute das Café befindet, Zeiten als Lazarett und BDM-Heim. Heute erstrahlt das Ensemble in alter Pracht, Zitrusbäumchen säumen die Wege und zahlreiche der griechischen und römischen Mythologie verhaftete Skulpturen erinnern an Italien, sogar alte Bekannte aus Rom und Neapel sind darunter, wenn auch nicht aus weißem Marmor und museal konserviert, sondern aus Sandstein und mit Spuren, die die Witterung hinterlassen hat.

Herkules Farnese

Pomona

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Ruf der Sächsischen Schweiz ist ein wenig kontaminiert durch gewalttätige Umtriebe neonazistischer Art, die in Einzelfällen in strafrechtlich relevante Tatbestände mündeten und Organisationsverbote nach sich zogen. So wurden 2001 die Skinheads Sächsische Schweiz (SSS), die aus der bereits 1994 aufgelösten Wiking-Jugend hervorgegangen war, verboten.

Die  Reisenden bemerken von rechtsradikalen Aktivitäten wenig, sie wissen aber auch, dass der Zeitgeist einen Schlenker gemacht hat, der zur AfD führte, die im Wahlkreis „Sächsische Schweiz-Osterzgebirge“ in der Bundestagswahl 2017 mehr als ein Drittel der abgegebenen Stimmen auf sich vereinigte. Neuerdings, auch während unseres Aufenthalts, gibt es Demonstrationen der bunten Kritiker(volks)front gegen die Coronamaßnahmen – allerdings mit stark abnehmender Teilnehmerzahl.

Dunkeldeutschland

Ex-Präsident Gaucks Wort bezeichnet Orte wie die ehemalige Festung Schloss Sonnenstein. 16 Bildtafeln führen heutige Besucher vom Bahnhof bis zur Gedenkstätte.

Projekt „Denkzeichen“: Alle Tafeln enthalten ein Motiv der Festung Sonnenstein, das von Canaletto stammt, und sind jeweils mit einem Quellenbegriff aus dem Zusammenhang der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen versehen.

Hier wurden in den Jahren 1940 und 1941 mindestens 14 000 Menschen umgebracht. Es waren vorwiegend psychisch Kranke und geistig Behinderte, aber auch Häftlinge aus Konzentrationslagern. Die Tötungen wurden zynisch verschleiernd „Euthanasie“ genannt. Die weitgehend geheim gehaltene „Aktion T4“ der Nationalsozialisten galt der „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ bzw. der Ermordung sogenannter „Ballastexistenzen“.

Diese Vernichtungsanstalt (eine von insgesamt sechs in Deutschland) ist einer der schlimmsten Orte nationalsozialistischer Verbrechen in Sachsen. Finden viele Touristen den Weg zur Gedenkstätte im Haus C 16 von Schloss Sonnenstein?

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