„Die Trauer, das Weh, die Erinnerung.“

 „Es war dir bewusst, dass die Hinreise nach G. – vormals L. – eigentlich eine Rückreise war.“ Wer spricht hier mit wem und worüber? Der Satz findet sich in dem Roman „Kindheitsmuster“ von Christa Wolf. Im Sommer 1971 fährt die Autorin mit ihrem Mann, der jüngeren Tochter und dem Bruder nach Gorzów Wielkopolski, das vor 1945 Landsberg an der Warthe war. Die Familie habe es so gewollt, bemerkt sie und ergänzt etwas abschätzig : „Der Tourismus in alte Heimaten blühte“.  In die Rubrik „Begründung“ des damals noch notwendigen Antrags auf ein Visum trägt sie „Stadtbesichtigung“ ein, fügt im Roman allerdings hinzu: Besichtigung der sogenannten Vaterstadt.

Christa Wolf 1963; Quelle: Bundesarchiv/Wikipedia

Das Wort „Besichtigung“ eignet sich sicher für Touristen, aber nicht für sie, die 16 Jahre in dieser Stadt gelebt hat. Die Reisepläne wecken jedoch zwiespältige Gefühle, sie will Distanz herstellen. Diese vermittelt auch die später bei der Niederschrift des Romans gewählte Erzählhaltung, insoweit sie ein fiktives Selbstgespräch führt, sich als Erzählerin also in der Du-Form anredet, und indem sie dem Kind, das sie einmal war, den Namen „Nelly“ gibt und dessen Erlebnisse wie die einer erfundenen Figur erzählt. Die 1929 geborene Schriftstellerin weiß, dass die Reise Erinnerungen an eine in Nazi-Deutschland verbrachte Kindheit wecken wird. Im Januar 1945 hat sie Landsberg zum letzten Mal gesehen. Sie verlässt auf einem Lastwagen die Stadt, als Schüsse vom Stadtrand her zu hören sind,  auf der „Flucht vor den näher rückenden feindlichen Truppen“, so ihre Wortwahl.

Mit Gebrauchsspuren: Unser Exemplar von 1976

Wir benutzen Christa Wolfs Roman als Reiseführer und folgen ihren Spuren: „Königs Wusterhausen, Storkow, Fürstenwalde, Müllrose, Frankfurt, Słubice“. Wir sind in Polen. Als wir die Autobahn verlassen haben und der Landstraße folgen, werden im Juli 2015 Lektüre und Erleben für einen Moment deckungsgleich: „Kaum hatte man die Oder hinter sich, da gab es wieder den Kindheitssommer, den du für unwiederbringlich dahin hieltest: den vor Hitze knisternden, trockenen, kontinentalen Sommer.“

Christa Wolf wohnt mit ihrer Familie in einem Hotel in Bahnhofsnähe und kaum sind die Anmeldeformalitäten erledigt, kaum ist die Frage gestellt, wohin man denn nun als erstes gehen wolle, rufen Bruder und Schwester wie aus einem Munde: „Nach Hause!“ Dies ist zunächst das eigene Haus in der früheren Soldiner Straße, das 1936 gebaut wurde, denn der vier Jahre jüngere Bruder erinnert sich kaum an die erste Wohnung der Familie am Sonnenplatz.

Die heutige ulica Myśliborska ist lang. Im Roman haben wir gelesen, dass das Haus eigentlich „Am Galgenberg“ stand, als letztes vor der Einmündung in die Soldiner, dass aber der Vater diese Adresse für sein Lebensmittelgeschäft  vermeiden wollte und daher bei den Behörden die Anschrift  Soldiner Straße durchsetzte. Wie hat man wohl in diesem Fall ins Polnische übersetzt? Glücklicherweise haben wir zu Hause in einem polnischen Blog einen Hinweis gefunden. Dessen Autor, Daniel Paczkowski, hat wie wir die Spuren Christa Wolfs in seiner Heimatstadt gesucht und somit wissen wir, dass wir nach der ulica Anyska suchen müssen. Da ist es! 1971 hatte es noch ein Lebensmittelgeschäft gegeben: „Der Geruch…Wie früher.“ An seine Stelle ist ein Schönheitssalon getreten. Wir finden weder eine Gedenktafel noch einen Hinweis auf Christa Wolf. Vielleicht am Sonnenplatz?

Der erste Laden der Familie Ihlenfeld befand sich am Sonnenplatz 4, die Mietwohnung in einem dreistöckigen Mehrfamilienhaus  gleich daneben, am Stadtrand, in einer „auch früher schon schäbigen“ Umgebung. Verwundert stellt die Autorin fest, dass die Polen den Namen beibehalten bzw. übersetzt haben und sie den plac słoneczny ohne Mühe findet, die Häuser „ungestört um fast 40 Jahre gealtert“. Dies gilt mit Einschränkungen auch heute noch. Neue Fenster wurden eingebaut, die Fassade ist noch nicht renoviert; war die zugemauerte Einfahrt einmal das  Schaufenster des elterlichen Ladens? Auch hier findet sich kein Hinweis auf die Schriftstellerin. Wohin jetzt? Wir nehmen wieder den Roman zur Hand.

„Mittags umrundet ihr zum ersten Mal die Marienkirche. Sie steht viel freier als früher, die Häuser um den Markt wurden bei Kriegsende zerstört. …Wurdest du nicht hier konfirmiert?…Gewiss“ Zu ihrem Bedauern gelingt es der Familie nicht, die Kirche, die nach 1945 natürlich katholisch geworden ist, zu betreten. Beim ersten Versuch ist sie abgeschlossen, beim zweiten, während einer Messe, wegen Überfüllung nicht zugänglich. Anders an diesem Freitagnachmittag, an dem wir  den im 13. Jahrhundert erbauten Dom St. Marien mit dem Renaissance-Altar in aller Ruhe besichtigen können.

Die konkreten Wege auf Christa Wolfs Spuren durch Gorzów Wielkopolski sind einfach nachzuvollziehen, die verschlungenen Pfade des Gefühls nur bedingt, denn uns fehlt ja jede persönliche Bindung an diese Stadt. Allerdings begründen diese die Brisanz dieses Romans für seine Zeit, die späten 70er Jahre der DDR.

Abends, im Hotelzimmer, als die Tochter fragt, ob sie Heimweh habe, antwortet die Erzählerin sehr schnell: „Nein!“. Einige Seiten zuvor hatte man allerdings schon gelesen:  „Dass du niemals Heimweh gehabt hättest, hast du ja nicht behauptet.“ Die Erzählerin kann nicht einschlafen, grübelt und merkt schließlich, dass die automatische Reaktion nur Ausdruck der Verdrängung ist, mit der sie bisher die Gefühle in Schach gehalten hat. Auf einmal begreift sie, „dass die Gefühle sich rächen, die man sich verbieten muss“, und sie zählt auf, welche es sind: „die Trauer, das Weh, die Erinnerung“.

Ganz massiv erlebt sie am nächsten Tag dann noch einmal die Rückkehr des Verdrängten auf dem alten deutschen Friedhof, wo Bruder und Schwester zu ihrem eigenen Erstaunen das unversehrte Grabmal des Bäckermeisters Wernicke finden, den sie noch gekannt haben: „die vollständige Umkehr deiner Gefühle…die hervorzubringen eine schwere jahrelange Arbeit gewesen sein muss“.

Später werden die Ursachen der Verdrängung reflektiert, wenn auch nur in Andeutungen: „Zu genau weißt du, was dir schwerfallen darf, was nicht. Was du wissen darfst, was nicht. Worüber zu reden ist und in welchem Ton. Und worüber auf immer zu schweigen.“ Hier geht es ganz offensichtlich um staatlich verordnete Regelungen, die sich die Autorin zu eigen gemacht hat, um das Rede- und Schreibverbot, die Themen Flucht und Vertreibung betreffend. Die strenge Selbstdisziplin ist nun ins Wanken geraten.

Gorzów Wielkopolski ist nicht mehr die schöne Stadt, die Landsberg an der Warthe war. Nur wenige Gebäude wie die imposante turmbekrönte Hauptpost lassen dessen Glanz erahnen. Die Gründe sind bekannt; traurig sein über den Verlust darf man dennoch. Wir gehen über die Warthebrücke, ein Stückchen am Ufer entlang. „Über das Panorama warst du selbst überrascht. Der Fluss, der gerade hier zu seinem großen Bogen ansetzt und sich nach Osten hin verbreitert, in Ufergestrüpp verliert. Und jenseits des Flusses die Himmelslinie der Stadt – Bahnbögen, Speicherhäuser, die Kirche, Wohnhäuser…“ Mann und Tochter glauben bei diesem Blick auf die Stadt deren Bedeutung für Christa Wolf zu verstehen.  Inzwischen hat man viele Anstrengungen unternommen, um z.B. durch gut gepflegte Parks und eine Promenade an der Warthe für ein entspanntes und heiteres Flair zu sorgen. Wie in vielen polnischen Städten ist die Atmosphäre jung und dynamisch, moderne Einkaufszentren und Hotels künden vom wirtschaftlichen Aufschwung.

Uns fällt auf, dass 1971 die Wiederbegegnung Christa Wolfs mit der alten Heimat durch die bestehenden Sprachbarrieren doch sehr eingeschränkt war. Zwar sprach die Dame an der Hotelrezeption noch etwas deutsch, aber schon im Restaurant war die Familie angesichts der Speisekarte völlig ratlos und blindlings den Vorschlägen der Serviererin, die niemand verstand, ausgeliefert. Als man im alten Wohnhaus am plac słoneczny eine Frau antrifft, fragt sich die Autorin: „Wie grüßt man auf polnisch?“ Befremdlich wirkt in diesem Zusammenhang  das überhebliche Urteil des Bruders über die Polen: „Wenn sie ihren Lebensstandard erhöhen wollen, werden sie nicht umhinkommen, die Leistung als Wert anzuerkennen.“ Worauf stützt sich diese Erkenntnis? Auf den Augenschein während einer kaum zweitägigen Reise ohne auch nur ein einziges Gespräch mit einem Polen?

Als Christa Wolf nach der kurzen Reise wieder zu Hause ankommt und die Haustür aufschließt, spürt sie schon die Folgen: „Du ahntest, wenn auch nicht in ihrer vollen Schärfe, die Bewegungen voraus, welche die Arbeit in dir hervorrufen würde.“ Fünf Jahre später konnten ihre Leser daran teilhaben.

 

P.S. Diese Reise haben wir im Juli 2015 gemacht. Kurze Zeit nach unserem Besuch wurde zum Gedenken an Christa Wolf eine Giebelwand  von polnischen Künstlern mit Kräutern, die im Roman „Kindheitsmuster“ vorkommen, bemalt. Auf der Wand befindet sich auch ein erklärender Text mit einem Foto der Autorin in deutscher und polnischer Sprache. Im Oktober 2015 wurde zu Ehren Christa Wolfs das Denkmal „Nellys Bank“ eingeweiht.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.