Heilige, Erdbeben und Linsengerichte

Der junge Giovanni Bernardone, Sohn eines wohlhabenden Tuchhändlers, führt ein sorgloses und freizügiges Leben. Als ein Krieg zwischen benachbarten Provinzen ausbricht, wird er, wie es für Männer seines Standes üblich ist, Soldat, um Ruhm und Ehre zu erwerben. Doch er gerät in Gefangenschaft und verbringt als Zwanzigjähriger mehrere Monate in Haft. Einige Zeit später passiert etwas Seltsames; Giovanni begegnet einem Aussätzigen, ist schockiert, fühlt sich abgestoßen ─ ein Schlüsselerlebnis. Fortan scheint er, der Angehörige der Oberschicht, die Lage der Armen, der Bettler und unversorgten Kranken mit anderen Augen wahrzunehmen. Wir befinden uns im Jahr 1206 und kennen den Mann aus Assisi besser unter seinem Spitznamen Francesco (Französlein), den man ihm wegen der Herkunft seiner Mutter verpasst hat. Franz sagt sich mit 25 öffentlich von seinem Vater los (Giottos Vorstellung von dieser Szene zeigt das obige Bild), verzichtet auf dessen Geld und widmet sein Leben fortan der tätigen Nächstenliebe und dem Glauben.

Geschichten in Bildern

Blick auf Assisi

Die Fresken in der Doppelkirche San Francesco in Assisi gehören zu den bedeutendsten Kunstwerken der italienischen Renaissance, seien sie nun von Giotto selbst oder seiner Werkstatt angefertigt. In einem großartigen farbigen Bilderzyklus werden die Legenden, die sich um die Figur des Heiligen gebildet haben, erzählt: das öffentliche Ablegen der Kleidung vor den entsetzten Augen des Vaters, die Predigt vor den Vögeln auf dem Felde, die himmlische Verleihung der Wundmale Christi. Das mittelalterliche Städtchen, malerisch am Fuße des Monte Subasio gelegen, ist Weltkulturerbe der UNESCO. Auf vorbildliche Weise werden die Ströme der Touristen und Pilger, die täglich hier einfallen, kanalisiert. Autos werden in unterirdische Parkhäuser gewunken, Menschenmassen durch kluge Beschilderung so geleitet, dass sie sich gegenseitig möglichst wenig behindern. Die schweren Schäden, die das Erdbeben von 1997 hier angerichtet hat, sind nicht mehr sichtbar.

Grüne Hügel, freundliche Menschen

Wir sind in Umbrien, zwischen der Toskana, Latium und den Marken gelegen, dem die Tourismusmanager das Etikett „grünes Herz Italiens“ aufgepappt haben, und müssen eher widerwillig zugeben, dass die Formel eigentlich gar nicht schlecht ist. Ende April ist das frische Grün der bewaldeten Hügel die dominierende Farbe und man möchte eigentlich gleich loswandern und diese dünn besiedelten Landschaften zu Fuß erkunden. Doch der Plan ist ein anderer.

Hotel Torre San Giovanni

Bei der Suche nach unserer Unterkunft Torre San Giovanni unweit von Todi führt uns das Navi zu einer Burgruine weit weg von jeglicher menschlichen Behausung. Die mitgeführten Karten helfen nicht weiter. Was nun? Mit spärlichstem italienischen Vokabular bitten wir einen älteren Herrn, der zufällig vorbeikommt, um Hilfe. Als er merkt, dass wir seinen Erklärungen nicht folgen können, setzt er sich kurzerhand ins Auto, fährt voraus und geleitet uns so zum etwa 12 km entfernten Zielort. „Mille grazie, Signore!“ Wir haben in Umbrien nur solche Menschen getroffen: offen, freundlich und hilfsbereit über alle Sprachbarrieren hinweg.

Erdbebenzone

Die Geschichte der Region wird in Carsulae anschaulich, einer römische Siedlung, die ihre Blütezeit im 3. Jahrhundert v.Chr. erlebte. Verkehrsgünstig an der Via Flaminia gelegen, gedieh der Handel; die Thermalquellen zogen bald wohlhabende Römer an. Beeindruckende Überreste von Stadttoren, Thermen, Tempeln sind zu erblicken, ein Forum, ein Theater, ein Grabmonument. Warum die Stadt verlassen und nicht wieder besiedelt wurde, wissen Historiker nicht so genau; vielleicht war ein Erdbeben die Ursache.

Im Nachbarort Montecastrilli bietet das Restaurant „Il Frantoio“ (die Ölmühle) als Vorspeise eine Verkostung von verschiedenen Olivenölen an. Dann kommen Spaghetti all’Amatriceana auf den Tisch, mit einer würzigen Sauce aus Speck, Zwiebeln und Tomaten. Der Ort Amatrice, nach dem dieses Gericht benannt ist, liegt in dem von zwei Plattengrenzen durchzogenen Appeningebiet, einer Erbebenzone, und wurde zuletzt im August 2016 und im Januar 2017 schwer erschüttert. 290 Menschenleben kosteten diese Katastrophen, historische Bauten wurden zerstört. Viele Restaurants bieten nun aus Solidarität das bekannte Pastagericht an und spenden 1 bis 2 Euro des Erlöses an die Opfer.

Traditionspflege

Spoleto

Dass der 25. April in Italien ein Feiertag ist, haben wir erst gemerkt, als wir an einem sonnigen Dienstagmorgen durch Spoleto spazierten. Vom Rathausplatz her erklingt Blasmusik ─ das macht neugierig. „Anniversario della Liberazione“: An diesem Tag gedenkt man der Befreiung Italiens vom Faschismus und der Besetzung  durch die Nationalsozialisten sowie der Opfer des Zweiten Weltkriegs. Die kleine Zeremonie ist bewegend. Betagte Veteranen, von Angehörigen gestützt, sind anwesend, Soldaten marschieren auf, Pazifisten schwenken eine Regenbogenfahne, der Bürgermeister spricht. Schließlich wird an einer Hauswand ein Kranz angebracht. Dort befindet sich eine Tafel mit den Namen der Opfer dieser finsteren Epoche. Leicht beklommen hören wir dem gemeinsamen Singen der italienischen Nationalhymne zu, die man unter anderen Vorzeichen bei so vielen Fußballspielen mitgesummt hat.

Todi

Das historische Stadtzentrum von Montefalco, einer mittelalterlichen, auf einem Felsvorsprung gelegenen Stadt, ist komplett in Pink durchgestylt: rosa Papierblumen, Schleier, Schleifen an den Fenstern und angemalte Fahrräder vor den Häusern. Die freundliche Dame in der Touristeninformation kann weiterhelfen: Montefalco ist Etappenort des Giro d’Italia, jenes großen Radrennens, dessen Führender jeweils das rosa Trikot trägt. Wir sollen uns unbedingt das Zeitfahren am 16. Mai ansehen, meint sie. Nach dem Museumsbesuch muss noch der berühmte Wein der Region verkostet werden: der Sagrantino. Wer fährt? Zum Trost darf der Chauffeur die berühmten Linsen aus Casteluccio mit Bratwürsten aus Norcia bestellen. Das ist Slow Food vom Feinsten: traditionell und regional, eine Antwort auf das globalisierte Fast Food, wie sie dem Gründer der Bewegung, Carlo Petrini, vorschwebt.

Es gäbe noch viel zu erzählen: über Bevagna und San Pietro in Valle, über Trüffel und Tuffgestein, etruskische Tempel und Luca Signorelli ─ vielleicht ein anderes Mal.

 

Diese Reise haben wir im April 2017 gemacht.

 

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