Wie die Hankels berühmt wurden

Im Sommer 1874 macht der Schriftsteller Theodor Fontane an Bord der Segeljacht „Sphinx“ einen Ausflug ins Dahmeland. Er lauscht den Erläuterungen von Kapitän Backhusen und notiert sich die eine oder andere Besonderheit, darunter auch auffällige Namen bestimmter Geländepunkte wie „Hache’s Gruß“, „Gingang-Berg“ oder „Hankels Ablage“. Zwei Jahre später nimmt er das Notizbuch wieder hervor, überarbeitet und ergänzt die Aufzeichnungen zur Reportage „Die wendische Spree“ (d.i. die Dahme), die 1878 erscheint und später in die „Wanderungen“ aufgenommen wird.
Hier heißt es: „Die Ufer still und einförmig. Nur dann und wann ein Gehöft, das sein Strohdach unter Eichen versteckt; dahinter ein Birkicht, ein zweites und drittes, coulissenartig in die Landschaft gestellt. Am Horizonte der schwarze Strich eines Kiefernwaldes.“ Diese idyllische Landschaftsmalerei  geht noch einige Sätze so weiter und man merkt, dass der Autor vom Schiff aus um sich schaut und seine im Vorbeigleiten gewonnenen Eindrücke zu einem stimmigen Ganzen komponiert. Das Bild setzt sich jedenfalls nachhaltig fest, denn später einmal werden hier literarische Figuren situiert, deren Gefühlswelt im Naturerlebnis gespiegelt wird.

Urlaub oder Arbeit?

Zehn Jahre sind seit der Bootsfahrt vergangen, als Fontane das „Etablissement“ des Gastwirts Rudolph Käppel am Zeuthener See besucht; vielleicht ist er durch eine Annonce in einer Berliner Zeitung darauf gestoßen. Der Name „Hankels Ablage“ ist ihm schließlich vertraut.  „Mir geht es passabel“, schreibt er an einen Freund, „was ich einer vorläufigen Sommerfrische, die ich in ‚Hankels Ablage‘ nahm, zuschreibe. Hankels Ablage liegt an der Görlitzer Bahn, halben Wegs zwischen Schmöckwitz und Königs Wusterhausen. Ich war 14 Tage da und habe nie einen beßren Sommer-Aufenthalt gehabt: still, himmlische Luft, Wasser und Wald, ausreichende Verpflegung und freundliche Leute. Was will man mehr!“ Das klingt nun – anders als in der Reportage – sehr diesseitig, fast als sei der Autor für die Werbeabteilung der regionalen Tourismusbehörde tätig.

Aber man darf Fontane nicht alles leichtfertig abnehmen, denn die Sommerfrische war in Wirklichkeit ein Arbeitsbesuch. Er schrieb an einer Erzählung und war im Mai 1884 ständig unterwegs, um an den Örtlichkeiten, an denen er die Handlung ansiedeln wollte, zu recherchieren: in der Jungfernheide, am Rollkrug (heute Neukölln) und an Hankels Ablage. Hier muss am 7.Mai der Entschluss gereift sein, der Großstadt für zwei Wochen zu entfliehen. Schon fünf Tage später ist der Koffer gepackt, um 15.10 Uhr geht es am Görlitzer Bahnhof los, der Hausdiener der Pension erwartet ihn an der Station „Hankels Ablage“, die erst später in „Zeuthen“ umbenannt wird, lädt das Gepäck auf einen Handkarren und nach 10 Minuten Fußweg durch den lichten Forst sind sie am Ziel. Der Autor ist in der Einsamkeit äußerst produktiv; er schreibt in den vierzehn Tagen acht Kapitel und hat damit den ersten Entwurf von „Irrungen, Wirrungen“ fertig.

Dichtung und Wahrheit

Schon im ersten Brief an seine Frau notiert Fontane: „Ueber die Geschichte von Hankels Ablage bin ich bereits informirt.“ Vermutlich hat dies der rührige Gastwirt besorgt, der auch in der Erzählhandlung die Figur Botho ins Bild setzt. Allerdings weicht die Fiktion von den historischen Tatsachen ab, denn der Fontanesche Realismus ist kein Eins-zu-eins-Abbild der Wirklichkeit, sondern, wie Günter de Bruyn so treffend formulierte: neu geordnete Realität.

Auf Bothos Frage: „Was ist Ablage?“ erklärt der namenlos bleibende Wirt: „Nun wir könnten auch sagen: Aus- und Einladestelle. (…) Diese Bucht wurde Hafen, Stapelplatz, Ablage für alles, was kam und ging, und weil der Fischer, der damals hier wohnte, beiläufig mein Ahnherr, Hankel hieß, so hatten wir eine ‚Hankels Ablage‘.“ Rudolpf Käppel hingegen, bei dem Fontane logierte, war nicht mit den Hankels verwandt, sondern deren Nachbar gewesen. Der Adoptivvater von Käppels Frau hatte das Grundstück erworben und dort ein Wohnhaus errichten lassen, das später zur Gastwirtschaft umgebaut wurde.

Es gab seinerzeit zahlreiche Ablagen, z.B. in Müggelheim, Wernsdorf oder Schmöckwitz. Ein Aquarell von Otto Scherfling aus den 1860er Jahren zeigt, was man sich darunter vorstellen kann: eine Bucht mit einigen Pfählen zum Befestigen der Kähne. Auffällig ist jedoch, dass nur eine einzige von ihnen mit dem Namen eines Bewohners verknüpft wurde und auf den Landkarten bis heute existiert. Wer war dieser namensgebende Hankel?

Die Hankels

Im Jahr 1781 erhielt der aus Oderin zugewanderte Schneidergeselle Ludwig Hankel  an der besagten Ablage ein Haus nebst Grundstück in Erbpacht. Dies geschah im Rahmen der Ansiedlungspolitik des preußischen Staates, durch die „ausländische“ Handwerker ins Land geholt wurden. Ludwig Hankel durfte das Haus drei Jahre lang mietfrei bewohnen, eine Kuh, ein Kalb und ein Schwein halten und auf die Miersdorfer Gemeindewiese treiben. Als Gegenleistung musste er jährlich einen Scheffel (gut 100 Liter) Kienäpfel abliefern sowie 6 Schock (360) Sperlingsköpfe – die Spatzen galten damals als Landplage.

Also war auch kein Fischer der Namensgeber? Gemach! Es gab noch einen Friedrich Hankel, Spross einer alteingesessenen Schmöckwitzer Fischerfamilie, der nach seinem Ausscheiden aus der Armee zum Amtsfischer ernannt wurde und 1774 Wohnrecht in einem auf Staatskosten erbauten Fischerhaus am See erhielt . Zu seinen Dienstpflichten gehörte auch das Betreiben einer Wirtschaft mit Bier- und Schnaps-Ausschank.

Am Ende des 18. Jahrhunderts wohnten also zwei Hankels nahe der Ablage. Ob sie miteinander verwandt waren, lässt sich nicht mehr zweifelsfrei klären. Der Name „Hankels Ablage“ erscheint jedoch erst 1839 auf einer Landkarte und geht vermutlich auf Wilhelm Hankel, den Sohn Friedrichs, zurück. Es war nämlich die Linie des Fischers Hankel, die sich langfristig hier festsetzte. Wer möchte es Fontane verdenken, dass er diese komplexen Zusammenhänge ein wenig vereinfacht hat, zumal es ihm ja primär um ein idyllisches Liebesnest ging, in dem seine Protagonisten ungestört zusammenkommen konnten.

In der Erforschung der Hankelschen Familiengeschichte hat Joachim Kleine, der Vorsitzende des Zeuthener Fontane-Kreises, Pionierarbeit geleistet. Äußerst informativ und von Fontane-Forschern immer wieder konsultiert, ist sein Buch „Die Hankels auf Hankels Ablage“ (1999) bis heute unübertroffen. Alle in diesem Artikel aufgeführten Fakten beziehen sich auf seine Recherche.

Ein Ort des stillen Glücks

In einer späteren Erzählung kommt Fontane erneut auf „Hankels Ablage“ zurück. Stine, ein in der Invalidenstraße nahe den Borsig-Werken aufgewachsenes Stadtkind, empfindet hier ein besonderes Glück. „Ihr aber sei das Herz so zum Zerspringen voll gewesen, daß sie nicht habe mitspielen können, wenigstens nicht gleich, weshalb sie sich unter eine neben dem Hause stehende Buche gesetzt und durch die herabhängenden Zweige wohl eine Stunde lang auf den Fluß und eine drüben ganz in Ampfer und Ranunkeln stehende Wiese geblickt habe, mit einem schwarzen Waldstreifen dahinter. Und es sei so still und einsam gewesen, wie sie gar nicht gedacht, daß Gottes Erde sein könne.“ Da ist er wieder, der „schwarze Strich eines Kieferwaldes“ von 1774. Vielleicht wurden die frühen Notizen noch einmal hervorgeholt. Oder Fontane verfügte über ein so gutes visuelles Gedächtnis, dass er bestimmte Bilder nach Belieben abrufen konnte. Wie dem auch sei: Wir können es der Protagonistin an einem schönen Sommertag gleich tun, ein paar ruhige Momente am Zeuthener See verbringen und unsere Blicke schweifen lassen.

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