Mit Fontane unterwegs

Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen. So beginnt Theodor Fontanes erstes Erfolgsbuch Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Während einer Reise durch Schottland war ihn eine Art Fata Morgana überkommen, als er nach der Besichtigung von Loch Leven Castle über den See zurückruderte: die Insel wurde ein Streifen, endlich schwand sie ganz, und nur als ein Gebilde der Einbildungskraft stand eine Zeitlang noch der Rundturm vor uns auf dem Wasser, bis plötzlich unsre Phantasie weiter in ihre Erinnerungen zurückgriff und ältere Bilder vor die Bilder dieser Stunde schob. Es waren Erinnerungen aus der Heimat, ein unvergessener Tag. Es ist das Rheinsberger Schloss, das wie bei einer filmischen Überblendung mit dem soeben Wahrgenommenen verschwimmt.

Fontane, 1858 noch längst kein etablierter Schriftsteller und als Journalist bei der ungeliebten Kreuz-Zeitung nur mäßig erfolgreich, nutzte den Geistesblitz für ein schriftstellerisches Großprojekt. Da bot sich ein Stoff an, mit dem er vielleicht eine Marktlücke würde schließen können. Zumal er auch schon eine Idee für einen originellen Zugriff hatte. Neben der Landschaft, Kirchen, Klöstern und Gutshäusern wollte er die Mark als Heimat der Vielen, der Kutscher, Kossäten, Krüger und Küster schildern, wie er in schönstem Stabreim aufzählt. Sozusagen Geschichte von unten erzählen, ohne Schlachtengemälde und Kriegshelden, über die schon genug Papier vollgeschrieben worden war. Heimat ist für ihn gleichbedeutend mit Herkunft, und so beginnt er das Wanderungen-Projekt folgerichtig mit der Grafschaft Ruppin.

Laufen ohne Illusionen

Wer sich nun ermuntert fühlt, auch einmal die Heimat auf Fontanes Spuren zu erkunden, muss sich auf einige Enttäuschungen gefasst machen. Als Dahmeländer mag man sich nach einer Durchsicht der zahlreichen Fontane-Wege für das Naheliegende entscheiden, den Weg F 2 von Berlin-Grünau nach Königs Wusterhausen. Die Wegbeschreibung liest sich indes wie der Alptraum des Naturfreundes: Regattastraße, Wassersportallee, …Godbersenstraße, …Seestraße, Eichenallee, …Westkorso, Miersdorfer Chaussee usw. Abgesehen von einigen Waldstückchen und dem NSG Höllengrund nur Pflaster und Asphalt, ein Weg, den man auch in Badeschlappen zurücklegen könnte!

Natürlich ist Fontane hier nicht langgegangen. Während einer Bootsfahrt auf der Wendischen Spree (Dahme) entdeckte er die Schönheiten des Landstrichs und später fuhr er mit der Görlitzer Bahn zu Hankels Ablage. Überhaupt war er eigentlich kein Wanderer im heutigen Sinne, eher ein Spaziergänger. Das Beste ist fahren, schreibt er, mit offenen Augen vom Coupé, vom Wagen, vom Boot, vom Fiacre aus die Dinge an sich vorüberziehen lassen, das ist das A und O des Reisens.

Auf geht’s

Trotzdem soll einmal so richtig drauflos gewandert werden, auf schmalen Pfaden durch den Wald, möglichst an einem See, ohne Straßenlärm und mit Fontanebezug. Die Wahl fällt auf den Stechlin, mit 70 Metern der tiefste See Brandenburgs, der für sein glasklares Wasser gerühmt wird, das eine Sichttiefe von 6-10 Metern ermöglicht. Man kann ihn ganz umrunden und findet noch alles so vor, wie es der Autor in seinem gleichnamigen Roman beschrieben hat: Zwischen flachen, nur an einer einzigen Stelle steil ansteigenden Ufern liegt er da, rundum von alten Buchen eingefasst, deren Zweige, von ihrer eigenen Schwere nach unten gezogen, den See mit ihrer Spitze berühren. Hie und da wächst ein wenig Schilf und Binsen auf, aber kein Kahn zieht seine Furchen, kein Vogel singt. Alles still hier.

Neuglobsow hingegen, Start und Ziel des 14 km langen Rundwegs, ist ganz in der Gegenwart angekommen. Am Ortseingang befindet sich ein riesiger Parkplatz, nur mit Tagesticket zu benutzen. Das Dorf ist schön, das ja, aber fast zu propper herausgeputzt und feingemacht, mit mehreren Einkehrmöglichkeiten, darunter einem Bio-Café. Aushänge weisen auf Yoga-Kurse, Lesungen und Konzerte hin. Hier hat der Zeitgeist schon Einzug gehalten, mit anderen Worten: Die Berliner sind nicht nur als Tagestouristen vor Ort.

Fontane hätte das vermutlich nicht gestört. Nichts lag ihm ferner als die Konstruktion einer rückwärtsgewandten Idylle und so schildert er in den Wanderungen auch Folgen der  Industrialisierung  und der frühen Globalisierung: Ziegelbrennereien in Glindow und Torfabbau im Rhinluch, Caputh als Chicago des Schwielow-Sees, Ruppiner Bilderbögen mit Nachrichten von allen Enden der Welt und exotische Pflanzen auf der Pfaueninsel.

Herkunft und Heimat

Für den heutigen Leser mag der Zusammenhang der Begriffe Herkunft und Heimat weniger selbstverständlich sein, als er es im 19. Jahrhundert war. Herkunft ist Vergangenheit, an Orte und Menschen gebunden, die wir nicht gewählt haben, teils durch nüchterne Aktenvermerke dokumentiert, teils in der Erinnerung bearbeitet, vergoldet oder dunkel eingefärbt. Heimat ist mehr als das. Andere Orte und Menschen als die der Herkunft können Heimat geben, das Fremde kann vertraut und zum Eigentlichen werden. Fontanes Freund Moritz Lazarus formulierte es so: Nicht jeder Ort, wo man geboren ist, ist eine Heimath, nicht jedes Land der Väter auch das Vaterland. Die Erkenntnis war auch damals schon nicht ganz neu. Ubi bene ibi patria, so formulierten es die alten Römer, meist übersetzt mit: Wo es mir gut geht, da ist mein Vaterland. Aber was macht das Fremde zur Heimat? Frieden, Wohlstand, Zuwendung?

Heimat als Ort des guten Lebens interessiert auch Cornelius Pollmer, Journalist der Süddeutschen Zeitung und gebürtiger Dresdener. Er hat seinen Fontane gelesen und unter dem Titel Heut ist irgendwie ein komischer Tag eigene Wanderungen durch die Mark Brandenburg vorgelegt. Für ihn ist Brandenburg nicht Herkunft. Warum er, der seiner Arbeit in Berlin nachgeht, auf den Spuren Fontanes unterwegs war, erklärt er so: Die Orte, die mir Heimat sind, werden nicht von Easyjet angeflogen. Heimat finde ich im Antizyklischen, im Randständigen, in der Abwesenheit von Mode und Zeitgeist.(…) Diese Heimat empfinde ich als bedroht. Weil sich ein giftiges Narrativ epidemisch ausgebreitet hat, demnach es gutes Leben nicht überall geben könne. Das ist wohl als Seitenhieb auf eine gewisse großstädtische Szene zu verstehen, die sich für weltläufig hält und die sogenannte Provinz verachtet.

Die Region im Fokus

Das absolut lesenswerte Buch von Pollmer beruht auf Tagesfahrten und Wochenendausflügen mit der Regionalbahn, die er im heißen Sommer des Jahres 2018 unternahm. Es steht in bester Fontanescher Tradition, erzählt von den Menschen: dem Betreiber einer Imbissbude für Trucker und dem Freiherrn von dem Knesebeck, von Nacktbadern und trinkfesten Zimmerleuten, Naturschützern und professionellen Hochzeitsplanern. Pollmer spricht die Menschen einfach an, vorurteilslos und neugierig, wird an- und aufgenommen, taucht in fremdes Leben ein und beschreibt, was er sieht. Er arbeitet, wie er es selbst ausdrückt, an seiner Beheimatung in der Region.

Theodor Fontane hatte andere Prioritäten. Sein Verdienst ist die Poetisierung der Heimat als Beitrag zur Vaterländischen Literatur. Brandenburg ist mit ihm in die Literaturgeschichte eingegangen und nicht nur das, denn welche Weltregion ohne Berge, Meer und spektakuläre Bauwerke hat es sonst noch auf einen fünfbändigen Reiseführer gebracht?

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