Impftourismus

Wenn ein Städtchen an einem Fluss namens Schwarze Elster liegt, ist das Hauptmotiv des Stadtwappens offensichtlich. Elsterwerda, einstmals eine Insel in einem Sumpfgebiet, aber auch ein Handelsplatz, wie der sorbische Name Wikow nahelegt, liegt nur 50 km von Dresden entfernt, gehört aber gerade noch zu Brandenburg. Auf unserem Spaziergang vom Bahnhof zum Fluss sahen wir höchstens ein Dutzend Einwohner, was natürlich der Pandemie geschuldet war, denn bei einer Inzidenz über 100 war außer den Bäckereien, dem Metzger und der Sparkasse alles geschlossen.

Auf dem eher überdimensionierten Marktplatz thront das Wappentier inmitten eines munter plätschernden Brunnens, die Sitzbänke sind verwaist, doch gegen Mittag finden sich ein paar Leute ein, die an der frischen Luft ein belegtes Brötchen verzehren. Die Bäckersfrau, schon mit sächsischer Freundlichkeit und Eloquenz gesegnet, fragt, ob wir vom Impfen kommen. Nein, das haben wir noch vor uns.

Die Bemühungen um einen Impftermin haben sich hingezogen. Versuche, über Brandenburg impft im Netz voranzukommen, wurden zunächst mit der Auskunft beschieden, man sei noch nicht berechtigt. Als dann die Priorisierungsgruppe 3 dran war, schienen alle Brandenburger Impfzentren (Cottbus, Falkensee, Potsdam, Eberswalde) ständig ausgebucht zu sein, in Schönefeld gab es wohl mangels Impfstoff kaum Betrieb. Bei Hausärztin und Facharzt wurde man auf eine Liste gesetzt: „Wir rufen Sie an!“ Warten… Endlich, an einem sehr frühen Sonntagmorgen, Elsterwerda: Geben Sie Ihr Alter an. Wow, einen Schritt weiter gekommen! Und auf einmal klappte es dann doch, erster und zweiter Termin (im Juli), Impfstoff: Biontech.

Wir konnten mit unserem VBB-Fahrausweis den IC vom BER Richtung Dresden benutzen, so dass die Anreise erstens kostenfrei und zweitens mit eineinhalb Stunden noch vertretbar war. Vor Ort, in der Turnhalle des sehr schönen Elsterschloss-Gymnasiums, war dann alles perfekt organisiert. Bundeswehrsoldaten vom Katastrophenschutz geleiteten die zu Impfenden von Station zu Station. „Sind Sie Obergefreiter?“, wollte mein Begleiter wissen. Kleiner Fauxpas. „Oberfeldwebel!“ Platz war reichlich vorhanden, das Personal nicht gerade überstrapaziert. Auf Anfrage war zu hören, man habe noch Reserven, aber es komme ja nicht genug Impfstoff.

Auf dem Rückweg kommen wir noch an einer sehr schönen Distanzsäule vorbei, die auch die Entfernungen nach Sorau, Sagan und Warschau aufführt, in Stunden! Ansonsten viel Leerstand, teils schon länger andauernd, wie die Schaufensterdekorationen verraten, teils wohl dem monatelangen Lockdown geschuldet. Da sind Existenzen vernichtet worden. Ein wunderschönes Gebäude, das über Jahrhunderte eine Apotheke beherbergte, steht zum Verkauf. Aber leider war es am Samstag im Lotto wieder nur ein Dreier.

Wenn wir im Juli wiederkommen, bei hoffentlich angenehmeren Temperaturen, werden wir einen Spaziergang an der Elster machen und ein wenig die Umgebung erkunden. Vielleicht kann man dann sogar im Restaurant „Herr K“ essen gehen und herausfinden, ob sich hinter dem Namen ein kochender Literaturfreund versteckt. Man wird sehen.

 

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