Die grellsten Erfindungen sind Zitate!

Die unwahrscheinlichsten Taten, die hier gemeldet werden, sind wirklich geschehen.

Die unwahrscheinlichsten Gespräche, die hier geführt werden, sind wörtlich gesprochen worden.

Die grellsten Erfindungen sind Zitate.

Sätze, deren Wahnwitz unverlierbar dem Ohr eingeschrieben ist, wachsen zur Lebensmusik. Das Dokument ist Figur.

Der Inhalt ist von dem Inhalt der nur in blutigem Traum verwahrten Jahre, da Operettenfiguren die Tragödie der Menschheit spielten.

(Karl Kraus im Vorwort der „Letzten Tage der Menschheit“)

Die Literaturgeschichte würdigt und wertet Hervorbringungen, die ihr besonders repräsentativ für eine Zeit, eine Nation, eine Sprache oder auch eine Gattung erscheinen. Die jeweiligen Epochenbezeichnungen hat sie schon aus vielfältigen Lektüren induktiv ersonnen. Die Beurteilung einzelner Autoren, ihr literarischer Börsenwert, ist einem ständigen Wandel unterworfen, sie kennt aber auch feste Größen wie Homer, Dante, Shakespeare, Goethe, Tolstoi, Proust, Joyce …

Dass Karl Kraus nicht in diese Reihe passt, verdankt er wohl der Tatsache, dass er sich zu selten auf dem Terrain der gängigen Formen von Lyrik, Prosa, Drama aufgehalten hat, sondern mehr als Aphoristiker (Psychoanalyse ist jene Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich hält. 1913), Kritiker und Essayist hervorgetreten ist. Allerdings kennt die Literaturgeschichte Neubewertungen und Wiederentdeckungen, etwa die Metaphysical Poets der elisabethanischen Zeit. Dass der Sprachkünstler Karl Kraus ein unerschrockener Chronist und scharfsinniger, manchmal unerbittlicher Kritiker war, der seiner Zeit den Zerrspiegel vorhielt, in dessen Übertreibungen sie sich umso deutlicher erkennen musste, ist unbestreitbar. Die Germanisten sollten sich an die Arbeit machen, vielleicht sind sie es ja schon. Deutet die gerade erschienene Biografie Karl Kraus. Der Widersprecher von Jens Malte Fischer, 1100 Seiten lang und schon in der zweiten Auflage, auf eine bevorstehende Rangerhöhung des Autors hin? Es wäre zu wünschen.

 Von seinem Theaterstück „Die letzten Tage der Menschheit“ hat Karl Kraus selbst gemutmaßt,  „Theatergänger dieser Welt vermöchten ihm nicht standzuhalten“. Nach irdischem Zeitmaß würde eine Aufführung etwa zehn Abende umfassen. Diese Einschätzung des Autors hat aber über die Jahrzehnte Theatermacher nicht davon abgehalten, das Stück zurechtzustutzen und auf die Bühne zu bringen. Zuletzt hat der Regisseur Paulus Manker – das Feuilleton nennt ihn gern Theaterberserker – im Jahr 2018 gewagt, das Werk zu inszenieren. Der Regisseur wählte als Aufführungsort eine alte Waffenfabrik in Wiener Neustadt; er hatte den Gesamttext auf 75 Szenen (von möglichen 220) komprimiert. Auf der Grundlage dieser Simultanfassung verausgabten sich die Schaupieler sieben Stunden lang. Die vielgelobte Inszenierung  siedelte 2019 nach Wien über: in die Alte Remise in Meidling.

Zur Alten Remise gelangt man über eine Ausfallstraße, die an der Bahnstrecke zwischen Wiener Hauptbahnhof und dem Bahnhof Meidling liegt. Am Spätnachmittag der Aufführung nieselt es, stärkerer Regen ist zu erwarten. Der Einlass führt an einem winzigen Tisch vorbei, an dem ein partiell kahlköpfiger Mann, in einen Parka verpackt, sitzt, der die Karten kontrolliert bzw. vorbestellte Tickets aushändigt, Geldscheine entgegennimmt und diese eher verächtlich in einen offenen Karton schmeißt, aus dem er gerade Programmhefte entnommen hat. Obenauf liegen mehrere 200-Euro-Scheine. Auf Nachfrage bekommt man auch ein Programm ausgehändigt. Der Kartenabreißer ist Paulus Manker.

Der Theaterraum ist ein großer Lokschuppen mit intakten Schienen.  Hier wird die nächsten siebeneinhalb Stunden ein scheinbar wildes Kaleidoskop kürzerer und längerer Auftritte anschaubar, das den Untergang der Habsburg-Monarchie und den ganzen Horror des Ersten Weltkriegs in einer Textmontage dokumentiert. Kraus erweist sich hier als Vorläufer des Dokumentartheaters, das nach dem Zweiten Weltkrieg die Historie auf der Bühne glaubhaft vermitteln wollte. Obwohl Kraus sein Werk als Tragödie bezeichnet, es sogar in fünf Akte gliedert und mit Vorspiel und Epilog versieht, sprengt es den Rahmen der klassischen Tragödie, durchgehaltene tragische Charaktere gibt es nicht. In Meidling können die Zuschauer wählen, zu welchem der wechselnden unterschiedlichen Schauplätze sie sich von den Schauspielern dirigieren lassen. Was sie sehen und hören, also erleben können: Gespräche der journalistischen Phrasendrescher und Zeitungsherausgeber, das Gezeter der Huren und Restaurantbesitzer, einen Show-Schützengraben, die Zufriedenheit der geldgierigen Kriegsgewinnler, skrupellose Ärzte und Richter, die Verrohung und Bestialisierung der Menschheit im Krieg. Im Programmheft zitiert Paulus Manker die zuvor von Karl Kraus ins Stück hineinzitierte einzige weibliche Kriegsberichterstatterin im WK I, um das Credo seiner Inszenierung zu formulieren: „Wer wirklich dabei ist, wird vom Fieber des Erlebens gepackt!“ und „Ich hab noch nie vorher so übermächtig gespürt, was das leibhaftige Hiersein bedeuten kann.“

Pause: Leichenschmaus für den toten Kaiser. (Exzellentes Catering vom Restaurant Hebenstreit!)

Dem Mankerschen Ereignistheater folgt man bis zum Schluss mit Interesse, Konzentration, Begeisterung.  Auf dem nächtlichen Rückweg ins Hotel durchs regenfeuchte menschenleere Wien stellt sich eine leichte, nicht unwillkommene Erschöpfung ein.

Übrigens:

Im Mai/Juni 2021 soll der „apokalyptische Grenzgang des Theaters“ (Deutsche Bühne) in Berlin aufgeführt werden, und zwar in der Belgienhalle Siemensstadt, Gartenfelderstraße 28

 

 

 

 

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