Lektüren des Grauens

Es gibt Leseerlebnisse aus der Jugend, an die man sich – wenn überhaupt – nur bruchstückhaft erinnert. Gelegentlich aber erhält  wieder Farbe, was verblasst war:  Eine Reise war geplant. Nach Bergamo und Bologna, dann nach Neapel. Es kam anders.

Bergamo? War das nicht der Schauplatz einer vor fünfzig Jahren gelesenen Erzählung? In der Tat: „Die Maske des roten Todes“, verfasst vom Meister des Grauens: Edgar Allan Poe. Die Literaturenzyklopädie hilft bei den inhaltlichen Details auf die Sprünge: Obwohl, während oder vielleicht weil in seinem Herrschaftsbereich – Bergamo wird nicht explizit genannt – eine Epidemie, der titelgebende Rote Tod, grassiert, lädt Fürst Prospero zu einem Maskenfest in eine Abtei, in die er sich in Sicherheit gebracht hat. Das Ballgeschehen wogt durch sieben unterschiedlich dekorierte  Räume, der letzte ist schwarz ausgekleidet und hat scharlachrote Fenster! Während des ausgelassenen Treibens werden die Feiernden zu jeder vollen Stunde vom sonoren Ton einer Uhr erschreckt. Nach dessen Verklingen stürzen sie sich erleichtert wieder in den Trubel. Als die Uhr Mitternacht schlägt, erscheint ein Verkleideter in der Maske des Roten Todes. Das erinnert alle an die Seuche, der sie bisher entgangen sind, sie weichen vor der unheimlichen Gestalt zurück. Der Fürst befiehlt, den Unbekannten zu demaskieren. Niemand traut sich, Prospero zieht daher selbst den Dolch, verfolgt den Unbekannten, der sich jäh umdreht, ein durchdringender Schrei erfüllt den Raum: Prospero sinkt tot zu Boden. Als die Gäste dem Unbekannten schließlich die Maske abreißen, entdecken sie dahinter: Nichts. Die Maske ist der Rote Tod selbst. Er ist bereits im vermeintlichen sicheren Zufluchtsort und herrscht nun unumschränkt.

Furchtbare Ansteckungskraft

Die Darstellung von existenzvernichtenden, die Verhältnisse grundlegend verändernden Seuchen ist ein, wenn man so sagen darf, beliebtes Thema der erzählenden Dichtung. Zahlreiche Dystopien neuerer Zeit enthalten das Sujet.  Meist haben wir es mit Werken zu tun, die Angstlust erzeugen wollen und phantasievoll  Szenarien ausspinnen, die auf Planspielen naturwissenschaftlicher Art beruhen, wodurch sie  eine gewisse Plausibilität erlangen. Ältere Werke konnten sich  auf die unmittelbare oder noch historisch nachwirkende Erfahrung einer Epidemie beziehen.  Giovanni Boccaccios Novellenzyklus „Il Decamerone“  entstand zwischen 1349 und 1353. Das Werk enthält „hundert Geschichten, Fabeln oder wirkliche Begebenheiten“ und ist bis heute stilbildend geblieben, die Novellentheorie des 19. Jahrhunderts, Robert Gernhardt haben sich auf Boccaccio bezogen. Den zeitgeschichtlich bedeutsamen Hintergrund für die tragischen wie komischen, derben wie anmutigen Erzählungen des Zyklus bildet die entsetzliche Pestseuche des Jahres 1348, die der Autor am Beispiel von Florenz ungeschminkt schildert. Nach einer drastischen Auflistung von Symptomen (Geschwülste  unter der Achselhöhle von der Größe eines mittleren Apfels, die so genannten Pestbeulen, schwarze oder schwarzgelbe Flecken am ganzen Körper) wendet er sich der Wirkung zu:  „…beinahe alle starben innerhalb dreier Tage nach der Erscheinung der erwähnten Zeichen… diese Pest hatte eine furchtbare Ansteckungskraft…sogar die Berührung der Kleider oder jedes anderen Gegenstands, der von den Kranken berührt oder benützt worden war, teilte den Berührenden die Krankheit mit…bei vielen erfolgte der Tod, die, wenn sie eine Hilfe gehabt hätten, vielleicht gerettet worden wären; aber bei dem Mangel an geschickter Bedienung für die Kranken war die Menge derer, die Tag und Nacht in der Stadt hinstarben, so groß, dass es schaudererregend zu hören, geschweige denn zu sehen war.“ Diesem einleitenden memento mori fügt der Autor einige kritische Beobachtungen über die sich im Gefolge der Pest wandelnden Sitten an, um schließlich seine meist unbeschwerten Novellen folgen zu lassen. Noch heute wird Boccaccio gelesen, verfilmt, aber auch als historische Quelle für eine mittelalterliche Seuche benutzt

Beklemmungen

Es heißt, auch der dänische Schriftsteller Jens Peter Jacobsen habe sich in seiner  Novelle „Pesten i Bergamo“ (Die Pest in Bergamo) bei seiner Beschreibung der Epidemie auf das berühmte Anfangskapitel bei Boccaccio gestützt. Jacobsen entwirft eine Reihe von Stimmungsbildern, die die psychischen Folgen der Pest zum Thema haben. In dem 1882 erschienenen Text wird geschildert, wie die Menschen zunächst ihre Hoffnungen auf inbrünstige Gebete setzen, sich darauf dem Trunk ergeben, hemmungslose Orgien feiern, schließlich einem Bußprediger, der einen Zug von Flagellanten anführt, nachfolgen. Jacobsen, der 1885 an Tuberkolose starb, hatte Bergamo auf seiner letzten Reise kennengelernt. Interessant erscheinen in seiner Darstellung besonders die  von religiösem Masochismus ebenso wie von gottloser Enthemmung gekennzeichneten Angstreaktionen der Bürger.

Dass Lektüren beklemmend sein können, mag daran liegen, dass das wirkliche Leben beklemmend geworden ist. Vor knapp zwei Wochen war der dramatische Appell eines Arztes aus Bergamo zu hören und zu sehen, der von den vielen mit dem Coronavirus neu Infizierten seiner Stadt berichtete. Sein Fazit: Es gibt nicht viele Therapiemöglichkeiten für dieses Virus. Es hängt hauptsächlich vom Körper ab, wir können den Organismus nur unterstützen  …  die Diagnose ist immer dieselbe: beidseitige Lungenentzündung.Und während es in den sozialen Medien immer noch Menschen gibt, die sich rühmen, keine Angst zu haben, und maulen, weil ihre normalen Lebensgewohnheiten „vorübergehend“ außer Kraft gesetzt sind, findet die epidemiologische Katastrophe statt.     

Fotos: Graffito in Vogelsang (Brandenburg); Caravaggio: Medusa (Florenz), Fresko im Dom von Florenz; Cimitero degli Inglesi (Florenz)

 

 

 

 

Ein Gedanke zu „Lektüren des Grauens

  1. Noch schwimmt man oben auf der Sahne,
    doch schleichend steigt das Unbehagen,
    der Wandel wird bewusst,
    das Unheimliche unfassbar,
    die Hoffnung riesengross.
    Sorry, dass ich, ausgerechnet ich! plötzlich in Lyrik abdrifte, ich lasse es trotzdem so stehen, bin ja flüchtig.
    Auf dem Dorffriedhof hier stehen auf einem verwitterten Sandstein die Namen eines Paares, 1866 kurz nacheinander an der Cholera gestorben. Im Gemeindebrief gefunden.

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