Der Zoch kütt, hoffentlich!

KARNEVALSORDEN

Es ist Ende Februar 2020  und der Karneval, seit 2014 als immaterielles Kulturerbe auf der Unesco-Liste, ist lange schon im anschwellenden Taumel, die diesjährige Session erlebt mit den großen Zügen am Rosenmontag  ihren Höhepunkt, wenn es der Klimawandel zulässt. Aber am Aschermittwoch lässt sich der am Martinstag  2019 erwachte Hoppeditz in Düsseldorf unter wehmütigsten Trauergesängen im Garten des Stadtmuseums begraben. Fröhlichkeit ist ansteckend und so hat  die Karnevalsidee auch außerhalb des Rheinlandes viele Anhänger gefunden. Lokale Faschingstraditionen werden insbesondere in katholischen Gegenden Jahr für Jahr gepflegt. „Der Zoch kütt“ aber auch in protestantisch geprägten Städten.

Allerlei Verkleidungen, Vermummungen, Verlustierungen sind im Fernsehen zu betrachten, und zwar in einem Maße, dass man sich fragt, was Leute eigentlich daran finden, anderen beim Belachen von dünnen Pointen zuzusehen, die, ob sie zünden oder  nicht, zur leichteren Erfassung von dumpfem „Tata, tata, tata“ begleitet werden. All die Kätzchen, Teufel, Matrosen, Clowns, früher  gern auch tiefschwarz Angemalte im Baströckchen erkennen dann – selbst bei zunehmender rheinweinbefeuerter oder altbierinduzierter Bewusstseinstrübung –, dass ein Witz stattgefunden hat.

Sind Bützchen erlaubt?

Seit einiger Zeit tummelt sich auch die noch nicht durch eine spezielle Verkleidung aufgefallene Figur der PeCe im Brauchtum. Sie meldet sich, wenn Spott über Minderheiten und deren Usancen, über Doppelnamen,  Klotüraufschriften oder Frauen ausgegossen wird. Dabei  haben karnevalisierte Frauen schon seit 1991 eine Hymne, mit der sie männliche Anmache zurückschlagen, das Lied Denn mir sin‘ kölsche Mädcher  von Marita Köllner mit dem Refrain:  Denn mir sin kölsche Mädcher / Hann Spetzebötzjer (für des Rheinischen Unkundige: spitzenbesetzte Damenunterwäsche) an / Mir lossen uns nit dran fummele /Mir lossen keiner dran. Etwas derb, aber deutlich und spätestens seit den Sylvestervorkommnissen auf der Kölner Domplatte anno 2015/16 vielleicht auch auf Hochdeutsch eine notwendige, möglicherweise willkommene Botschaft.

Schließen wir uns jetzt den miesepetrigen Karnevalsflüchtern an, die spätestens am Rosenmontagswochenende die Stadt verlassen, Kamelle Kamelle sin losse und sich anderswo vergnügen? Nicht unbedingt, aber ist der Karneval nicht da am schönsten, wo sein Spielcharakter am deutlichsten zum Vorschein kommt: bei privat organisierten Festen, bei  lokalen Maskenbällen, im Schulkarneval? „Spass an der Freud“ ist das Motto. Dazu bedarf es keiner weitergehenden medialen Vermittlung. Klar, dass der Mensch auch mal den Alltag vergessen will, dass er den sterblichen Leib durch die Teilnahme am Männerballett komisch in Szene setzen möchte, klar, dass er (der Mensch in seiner männlichen Variante jedenfalls) die Lizenz, der Nachbarin ins Dekolleté zu schauen, genießt, und noch klarer, dass er eigentlich ein anderer sein möchte, als der, der er ist.

Freund Jupp mit den Tollitäten 2020

Wer wüsste nicht die Kostümierung zu schätzen, die Anonymität durch Maske und Verkleidung? Nehmen wir die „Trolle“ im Internet, die  unter einem selbstgewählten „Nickname“, also einem Pseudonym, mit dem sie sich selbst charakterisieren, nach Herzenslust giftige Häme ausspeien können. Der Wunsch, ein anderer zu sein, die Möglichkeit, einmal  gefahrlos seine Ressentiments  äußern zu dürfen, kurz gesagt, die Zivilisiertheit anerzogener Umgangsformen hinter sich zu lassen, all das ist der Ausdruck  existenzieller Unzufriedenheit. Aber:  Ist das eigentlich nur schlimm? Vielleicht geht  ja eine Entlastung vor sich, die das Funktionieren im Alltagsleben wieder erleichtert.

Fragen über Fragen – passt eigentlich nicht zum Karneval. Genug räsoniert! Lieber das Fernsehprogramm studieren, Übertragung einer Karnevalssitzung mit Funkenmariechen und Besuch des völlig ausgezehrten Prinzenpaares vormerken, vielleicht sogar den Karnevalszug  am Straßenrand verfolgen und danach ein paar Flaschen Altbier leeren, schließlich auf Hoppeditzens  Bestattung am  Aschermittwoch und beim Leichenschmaus in der Düsseldorfer Altstadt dabei sein.  Der Name des „Beschützers der Narrheit“ bedeutet dem „Rheinischen Wörterbuch“ zufolge übrigens „Kindskopf“. In diesem Sinne: Helau oder „Ho Narro“ oder so!

Ein Gedanke zu „Der Zoch kütt, hoffentlich!

  1. Gut, dass das vorbei ist. Augenblicklich, passend zum Aschermittwoch und seiner Sterblichkeitsmahnung, ist ja eher wieder Mittelalter angesagt. Statt der Pest eine neuzeitliche Epidemie bzw. Pandemie. Zum Thema empfehle ich als Lektüre: „Die Maske des roten Todes“ von E.A. Poe. Schauplatz der Erzählung, glaube ich, Bergamo in der Lombardei (!).

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