Zur Kunst nach Koblenz

In Deutschland gibt es ein Lügenmuseum (Radebeul), ein Bratwurstmuseum (Holzhausen), ein Nummernschildmuseum (Großolbersdorf) und weitere skurrile Ausstellungsorte sonder Zahl. Was es nicht gibt, ist ein Museum, das deutschen Künstlern gewidmet ist, die 1933-45 vor dem Nazi-Regime ins Exil flohen oder verfolgt und ermordet wurden. Das ist wahrlich kein Ruhmesblatt für die hiesige Museumslandschaft.

Aber es gibt eine Sammlung von mehr als 750 Bildwerken teils namhafter, teils heute weitgehend vergessener Maler und Malerinnen, in Jahrzehnten engagierter Sammelfreude zusammengetragen von Thomas B. Schumann, einem langjährigen Freund. Während dieser händeringend nach einer Stadt sucht, die bereit wäre, ein derartiges Museum einzurichten, verleiht er seine Bilder für Ausstellungen in großen und kleinen Städten. Von Mitte Juni bis Ende September zeigt das Mittelrheinische Museum in Koblenz eine repräsentative Auswahl. Grund genug hinzufahren.

Initialzündung

Wie kommt man auf solch ein Lebensthema? Der Sammler erzählt es gern: Als 15-Jähriger verbrachte er mit den Eltern einen Urlaub in der Schweiz. Man besuchte das Grab des 1955 verstorbenen großen Schriftstellers Thomas Mann auf dem Friedhof Kilchberg bei Zürich. Dort entstand die Idee, auch noch das in der Nähe gelegene Wohnhaus der Mann-Familie anzusehen. Während seine Eltern zurückblieben, klingelte der Junge einfach mal so an der Haustür und fragte das herbeieilende Hausmädchen, ob er nicht ein Autogramm von Katia Mann, der Witwe des Autors, bekommen könne. Er erhielt ein signiertes Exemplar der Buddenbrooks.

Wieder zu Hause, verfasste er einen Dankesbrief, der so überzeugend gewesen sein muss, dass er kurze Zeit später eine Einladung nach Kilchberg erhielt. Bei Katia Mann zum Tee gewesen zu sein und ein von ihr mit einer freundlichen Widmung versehenes Exemplar von Felix Krull geschenkt bekommen zu haben, das wurde vermutlich nur wenigen zuteil. Aber der Besuch gipfelte in der Bemerkung: „Schade, dass Tommy Sie nicht mehr kennengelernt hat. Er hätte sich gerne mit Ihnen unterhalten.“ Wohlgemerkt: mit einem 15-jährigen Schüler!

So geprägt,  fing der Jugendliche an zu sammeln: Bücher von Exilautoren, die er, sofern sie noch lebten, anschrieb, um Widmungen bat oder mit denen er sich traf, so mit Irmgard Keun oder Walter Mehring. Die Gespräche waren Zeit- und Literaturgeschichte aus erster Hand. Irgendwann erwarb er, inzwischen erwachsen, auf einer Auktion sein erstes Bild. Und so ging es weiter. Thomas B. Schumann gründete die Gesellschaft zur Förderung vergessener und exilierter Literatur e. V. und den Verlag Edition Memoria. Mittlerweile sind hier zahlreiche Autoren des Exils erschienen, kurz vor ihrem Tod noch Judith Kerr. Der Sammler und Verleger ist P.E.N.- Mitglied und erhielt für seine Tätigkeit zahlreiche Preise, unter anderen den          Hermann-Kesten-Preis 2017.

Bilder und Schicksale

Die Koblenzer Ausstellung versucht der ganzen Breite und Vielfalt der Sammlung gerecht zu werden. Die Exponate stammen von Künstlerpersönlichkeiten, die noch ganz im 19. Jahrhundert wurzelten wie Eugen Spiro (geboren 1874 in Breslau, gestorben 1972 in New York), bis hin zu radikalen Modernen wie Lil Picard (geboren 1899 in Landau, gestorben 1994 in New York), die sich in der New Yorker Kunstszene um Andy Warhol tummelte. Beide gehören zu den Glücklichen, denen nicht nur die Flucht gelang, sondern auch ein langes und produktives Leben beschieden war. Andere fristeten in der Fremde nur mühsam ihr Dasein und waren verbittert, dass in der westdeutschen Kunstszene der Nachkriegszeit kein Platz mehr für sie war, ja mehr noch, sich eigentlich niemand für ihr Schicksal interessierte. Aber sie hatten überlebt.

Viele Künstler wurden deportiert und starben in den Lagern: Julius Graumann und Julo Levin in Auschwitz, Käthe Löwenthal in Izbica bei Lublin, Franz Monjau und Heinrich Tischler in Buchenwald, um nur einige zu nennen.

Die Bedrängnisse derer, die es gerade so ins Exil geschafft hatten, finden sich nur selten in den ausgestellten Bildern, vom ebenso engagierten wie beredten Museumsdirektor Matthias von der Bank werden sie aber bei seiner Führung eindrucksvoll geschildert.

Leider ist die Ausstellung am 29.September beendet. Wir warten mit Ungeduld auf den nächsten Ausstellungsort und hoffen, dass sich die Aussichten auf ein Exil-Museum konkretisieren.

 

Bilder aus der Sammlung MEMORIA:

Lotte Laserstein: Lesender Mann auf Veranda (30er Jahre)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.